3 meiner absoluten Lieblingsromane

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„Abendland“, „Das Vermächtnis der Eszter“ und „Rayuela“

 
Zum ersten Mal nach längerer Zeit bin ich wieder bei der „Fiction“ gelandet.

Ich lese gerade John Irvings „Garp und wie er die Welt sah“ und erkenne einmal mehr, dass ich diesen Ausflug in die erfundene Welt eines Autors viel öfter machen sollte.

Es gibt viele Leserinnen und Leser, die massenweise Sachbücher, Magazine und Ratgeber verzehren, niemals aber einen Roman zur Hand nehmen würden.

„Was hat das für einen Sinn?“, fragen sie mich dann …

Ich denke, dass ich diese Frage in „Warum Literatur lesen? – 7 Gründe“ bereits ausführlich beantwortet habe.

Ich sehe also durchaus Sinn darin, Romane zu lesen, was auch ein Blick auf meine „Leseliste“ beweist (über die „Leseliste“ spreche ich im Gedankennomaden-Guide), die ich gestern wieder einmal überflogen bin und sehr viel „Fiction“ enthält.

Und so kam mir die Idee, dir heute jene drei Romane näherzubringen, die es mir besonders angetan haben.
 

3 meiner absoluten Lieblingsromane …

 
Meine Leseliste führe ich nun bereits seit 2009.

Manchmal nahm ich mir mehr Zeit dazu, ein paar Sätze über beendete Bücher in ihr zu verewigen, manchmal weniger. Und leider habe ich auch einige Werke zu notieren vergessen.

Dennoch schaue ich immer wieder gerne in sie hinein, überfliege meine kurzen Kritiken, erblicke Titel, die ich bewusst gar nicht mehr als „gelesen“ abgespeichert hatte und checke die „Bewertung“, die am Ende jedes Eintrags steht.

Ich weiß aber auch, dass ich vorsichtig mit diesen Einschätzungen umgehen muss.

Meine „Bewertung“ ist eine Skala von 1-10;

1 steht für „Zeitverschwendung pur“, 10 hingegen für „Meisterwerk“.

Beide Noten verwende ich kaum.

Der Mittelwert liegt wohl irgendwo bei 6, würde ich sagen, will die Liste jetzt aber nicht von einem Statistiker analysieren lassen.

Außerdem weiß ich natürlich, dass eine Zahl niemals den Wert eines Buches entsprechend angeben kann. Sie ist mehr eine vage Orientierungshilfe für mich.

Noch wichtiger: Diese Zahl kann sich nach jeder Lektüre ändern.

So bin ich mir sicher, dass ich manchen Werken, die ich 2011 gelesen und mit einer 8 bewertet habe, heute nur noch eine 6 geben würde. Oder anderen, die mir 2011 nur eine 4 entlockten, heute vielleicht sogar eine 7 bekommen würden.

Gleiches gilt für die kurzen Kritiken; Klar ist es interessant, was ich im Jahre 2010 über ein fertig gelesenes Buch zu Papier gebracht habe. So ganz trauen kann ich einer durchwegs positiven Zusammenfassung eines Romans von damals dann aber doch nicht. Mein Geschmack hat sich seitdem sicher schon verändert und ich würde wohl den ein oder anderen Schluss so nicht mehr ziehen …

Was ich sagen will: Meine Leseliste ist Auswahlhilfe für das nun Folgende.

Allerdings eine, die ich mit Vorsicht verwenden muss …

Auch wichtig: All das ist natürlich höchst subjektiv! (Wie man Literatur „wissenschaftlich objektiv“ analysieren kann, erfährst du hier: „Literatur analysieren – 5 wissenschaftliche Methoden“)
 

1. „Abendland“ von Michael Köhlmeier

 
Michael Köhlmeier ist ein zeitgenössischer österreichischer Schriftsteller aus Vorarlberg. Seinen dicken Roman „Abendland“ habe ich 2010 gelesen. Immer noch sehe ich ihn als eines der schönsten Werke an, die ich mir bisher einverleibt habe.

Es handelt sich um einen „Jahrhundertroman“, der mehrere Geschichten erzählt. Im Mittelpunkt steht jedoch Carl Jakob Candoris, ein Mathematiker, Kunstliebhaber und Jazz-Fanatiker, der den Wiener Jazz-Virtuosen Georg Lukasser entdeckt und zu dessen lebenslangen Begleiter, Gönner und Schutzengel wird. Da Sebastian, Georg Lukassers Sohn, die Geschichte der beiden erzählt und niederschreibt, fließt auch dessen Leben in den epochalen Roman ein.

Ich fand den Roman in „meiner“ Wiener Wohnung. Er begann bereits zu verstauben, meine Vermieter hatten ihn wohl einmal gekauft und dann vergessen.

Er faszinierte mich von Anfang an.

Seite für Seite lernt man die Personen dieses Familienromans besser kennen und immer wieder ist da ein Satz, der den Verlauf der Handlung stoppt, den Leser in sich gehen lässt und ihn zum Nachdenken bringt.

Diese tiefgründigen Formulierungen – mal über die Schönheit und gleichzeitige Sinnlosigkeit der Mathematik, dann wieder über die Nichtigkeit unseres Lebens – welche sich teilweise in den Gedanken des Erzählers, dann wieder in intellektuellen Gesprächen der Charaktere niederschlagen, durchziehen das ganze Buch und motivierten mich dazu, den 800 Seiten langen Wälzer bis zum Ende kaum einmal aus der Hand zu legen.

Auch die Beziehung zwischen Candoris und den Lukassers fand ich spannend. Bis zuletzt fragt man sich, weshalb Candoris seinen Virtuosen mit solcher Hingabe fördert und was er sich selbst davon erwartet.

Ich persönlich schließe für mich, dass er als Vollblut-Kunstliebhaber und Mathematiker ein wenig enttäuscht darüber ist, selbst nie einer der ganz großen in Kunst oder Wissenschaft geworden zu sein und das mit der Förderung von Candoris nun zu kompensieren versucht.

Neben der gelungenen Darstellung der Charaktere, den tollen Dialogen und den tiefgründigen Gedanken gefiel mir auch das Jahrundertpanorama, welches der Roman entwirft, die Begegnungen mit historischen Persönlichkeiten, die Schauplatz-Wechsel und natürlich auch der Haupt-Spielort Wien.

Ich mag es sehr, wenn Bücher in Wien spielen und Orte, Straßen oder Lokale vorkommen, die ich selbst schon erkundet habe. So freue ich mich dann stets, wenn ich durch Wien spaziere, an diesen Schauplätzen vorbeikomme, und dort die Figuren aus den Romanen sehe.

Einzig und allein die letzten 100-200 Seiten waren mir dann etwas zu viel. Die Geschichte wäre auch mit 600 Seiten großartig gewesen und es wäre so wohl nicht dieses Gefühl in mir aufgekommen, Köhlmeier hätte sein Werk krampfhaft in die Länge ziehen wollen.

Dass die Geschichte zu wenig Handlung aufweist, wie ihr in diversen Internetforen vorgeworfen wird, finde ich nicht. Natürlich handelt es sich nicht um einen Kriminal- oder Abenteuerroman, in denen sich die Sensationen überschlagen. Das war nicht Köhlmeiers Absicht. Er wollte einen stillen, intelligenten Roman schreiben, in welchem das Denken im Vordergrund steht.

Ich fürchte, dass sogar einige Leseratten an dieser Geschichte scheitern werden.

Es ist wie immer eine Geschmacks- aber vor allem eine Erwartungsfrage, ob man dieses Buch mag oder nicht …

Ich liebe es!
 

2. „Das Vermächtnis der Eszter“ von Sándor Márai

 
Sándor Márai war einer der bedeutendsten ungarischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Seine Werke „Das Vermächtnis der Eszter“ (1939) und „Die Glut“ (1942), welche ihm nach seinem Freitod (1989) neu veröffentlicht eine viel beachtete Renaissance einbrachte, gehören zu dem Schönsten und gleichzeitig Traurigsten, das ich bisher gelesen habe.

Der Falschspieler Lajos kehrt nach vielen Jahren ins Hause der Schwester seiner verstorbenen Frau zurück. Zurück zu Eszter. Er hat sich nicht geändert und obwohl anfangs der gesamte Anhang Eszters das zurückhaben will, was er durch Lajos verloren hat, ist es am Ende wieder Lajos selbst, der sie mit vollen Taschen verlässt.

Das Buch erinnerte mich stark an „Die Glut“. Auch hier geht es um ein letztes entscheidendes Zusammentreffen von älteren Menschen, auf das alle gewartet haben und das unumgänglich scheint. Auch hier sind die Protagonisten zwar weise geworden durch das Leben, doch nicht glücklich. Auch hier schwingt sehr viel Melancholie mit auf jeder einzelnen Seite, die Gleichnisse Márais sind stets treffend, die Dialoge tiefgründig, das Lesen wird zum Genuss.

Vor allem schafft es Márai hier in diesem Buch, mit dem Lügner/Betrüger/Falschspieler/Lebemenschen Lajos die konventionellen Denkschema über Werte wie Ehrlichkeit, Treue oder Charakter aufzubrechen und neu zu beleuchten. Er schafft es, solch einen falschen Menschen doch irgendwie sympathisch wirken zu lassen. Und wenn nicht sympathisch, dann zumindest als einen Menschen, dessen Handeln man verstehen kann.

Darüber hinaus bleibt die Erzählung stets spannend durch geschickte Wendungen und ist durch Vorwegnahmen und Rückblicke genial kreiert.

Márai hat eine ungeheure Gabe dafür, melancholisch zu erzählen und bezieht virtuos die Natur in seine Beschreibungen von Vergänglichkeit und Nichtigkeit ein.

Ich möchte auf jeden Fall noch mehr von ihm lesen!
 

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3. „Rayuela“ von Julio Cortázar

 
Julio Cortázar, den ich vor ein paar Wochen bereits einmal kurz erwähnt habe in „Jorge Luis Borges und Jon Bon Jovi“, war einer der wichtigsten argentinischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Seine Texte spielen mit den Grenzen und Übergängen zwischen Realität und Fiktion. So auch „Rayuela“ …

Der getriebene argentinische Intellektuelle Horacio sucht in Paris nach dem, was die Welt zusammenhält und liebt gleichzeitig „die Maga“. Doch nirgendwo wird er fündig und auch mit der Maga ist er nie völlig zufrieden. Schließlich verliert er sie und kehrt nach Argentinien zurück. Dort sucht er weiter. Nach dem Sinn des Lebens und nun auch nach der Maga.

„Gelesen August 2014“ steht in meiner Leseliste;

Doch das ist nicht ganz richtig. Eigentlich habe ich es schon davor einmal begonnen, im Jahre 2012. Ich las es damals nur bis zum Ende des „regulären Teils“ und ließ das gute letzte Drittel mit den kurzen Zusatzkapiteln weg. Ich tat mir schwer bei der Lektüre, obwohl ich irgendwie spürte, dass dieses Werk eine Schatzkiste war.

Ich nahm es zwei Jahre später wieder zur Hand, las es diesmal in der von Kapitel zu Kapitel quer durchs Buch springenden Weise, die Cortázar empfiehlt – und nicht chronologisch – ja las es eigentlich nicht, sondern fraß es vielmehr. In gut zwei Wochen war ich durch, was bei den vielen Seiten, Cortázars schwierigem Stil und meinem Lesetempo schon eine beachtliche Leistung ist.

Dieses Werk hat mich kopfschüttelnd-verblüfft hinterlassen …

Was muss das für ein Monster gewesen sein, dieser Cortázar? Ein Monster im Sinne von unheimlich intelligent, vielfältig gebildet UND kreativ. Ein Monster voller Lebenserfahrung oder zumindest Gedankenerfahrung. Er schneidet so viele unterschiedliche philosophische, literarische, politische, geschichtliche Themen an. Von vielen hatte ich noch nie zuvor gehört und trotzdem wurden mir die Kapitel nie langweilig. Auf jeder Seite findet man Wörter, an denen man ansetzen könnte, die man im Lexikon nachschlagen könnte oder eigentlich müsste, um noch besser zu verstehen, was er eigentlich sagen will. Überall sucht er ihn, den Sinn des Lebens. Und überall wird er enttäuscht. Die Moral der Geschichte ist, dass es vielleicht doch die Liebe ist, die einen vollenden kann, auch wenn es der Protagonist nie zugeben würde und seine große Liebe am Ende auch verliert …

Die Kapitel sind nicht nur vollgestopft mit Wissen, intelligenten Dialogen und philosophischen Gedanken, sondern darüber hinaus unterhaltsam-kreativ, spannend und schockierend.

Auch die literarischen Experimente, die er einflechtet, sind interessant und oft sehr gut gelungen. Sie finden sich explizit vor allem in den poetologischen Experimenten des (erfundenen) Schriftstellers „Morelli“ wieder.

Ich könnte noch lange über dieses magische Buch schreiben. Ich war kaum einmal so von einem Buch begeistert, wurde kaum einmal so in die Seiten hineingezogen, hatte seitdem nie mehr wieder das Gefühl, einen solch großen Schatz in Händen zu halten, in welchem wiederholt der Eindruck entsteht, dass man „der Wahrheit“ ganz nahe ist.

Cortázar variiert die Annäherung an diesen Funken Gottes immer und immer wieder. Letztendlich scheitert Horazio aber auch jedes Mal aufs Neue. So wie jeder daran scheitern muss. So wie jeder Schriftsteller, der sich an diese Dinge heranwagte, daran scheiterte.

Dennoch waren wohl noch nicht viele der Wahrheit so nahe, wie Cortázar/Horazio.

Zumindest nicht in der Literatur.

Zumindest nicht die Autoren, die ich gelesen habe.

Ich bin sehr vorsichtig mit diesem Begriff, aber ja, hier muss ich ihn verwenden: „Rayuela“ ist ein MEISTERWERK.
 
 
 
Kennst du einen der drei Romane, über die ich gesprochen habe? Wenn ja, welchen und was hältst du von ihm? Und wenn dir alle unbekannt sind, welcher spricht dich am meisten an? Welche ist deine „Fiction-Top-3“? Hast du eine Vorliebe für eine bestimmte Nationalliteratur?

Schreib mir deinen Gedanken oder Erfahrungen zum Thema.

Am besten hier in die Kommentare.

Vielen Dank,
bis bald,
Philipp
 
3 meiner absoluten Lieblingsromane
Foto: Priscilla du Preez
 
Blogartikel veröffentlicht am 25.10.2017
 
 
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