Bertrand Russells „Eroberung des Glücks“

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Erzähl mir was vom Glück …

 
Ich wurde munter in der Wohnung einer meiner besten Freunde und musste innerhalb weniger Minuten raus um rechtzeitig den Zug zu erwischen …

Hose und T-Shirt um den Körper drapiert, Tasche unterm Arm und Sprint ins Wohnzimmer …

Da stand mir plötzlich dieses riesige, prall gefüllte Bücherregal im Weg.

Schnell überflog ich Weltliteratur, philosophische Werke und Wirtschafts-Fachbücher.

Bertrand Russells „Eroberung des Glücks“ stach mir ins Auge.

Ich ließ es in meine Hosentasche gleiten, lief raus aus der Wohnung, flog die Stiegen hinunter und erwischte den Zug in letzter Sekunde.

Dort begann ich mit der Lektüre.
 

Betrand Russells „Eroberung des Glücks“

 
Bertrand Russell ist mir schon länger sympathisch.

Warum?

Er war einer der hellsten Köpfe der Mathematik und der (Analytischen) Philosophie des letzten Jahrhunderts, sich gleichzeitig aber nicht zu gut, auch dem „Durchschnittsmenschen“ die Philosophie vermitteln zu wollen. Darüber hinaus war er einer der bedeutendsten Friedensaktivisten seiner Zeit.

Von seinem fetten, populären Wälzer, der „Philosophie des Abendlandes“, habe ich ja bereits an anderer Stelle schon einmal kurz erzählt.

Hier soll es um ein im Vergleich dazu ganz dünnes Büchlein gehen.

Wir widmen uns der „Eroberung des Glücks“.
 

Ratgeber und Rat …

 
Interessanterweise bleibe ich immer wieder an Büchern hängen, die das Glück versprechen.

Auch hier am Blog habe ich ja bereits zwei davon näher behandelt; die Nikomachische Ethik sowie Zen Mind.

Obwohl ich um Ratgeber-Lektüre in der Buchhandlung einen weiten Bogen mache (weil 95 Prozent davon Schund ist!), habe ich eine Schwäche für philosophische Werke der Ethik, die im Endeffekt ja auch den Weg zum Glück erklären wollen. Außerdem höre ich gerne Autoritäten der Literatur oder anderen Koryphäen, die ich respektiere, dabei zu, wenn sie ausführen, was ein glückliches Leben für sie bedeutet.

Das heißt:

Ratgeber? – Nein!

Rat? – Ja!

Und so ließ ich mich dann auch von Russell berieseln und beraten …
 

Das Ziel des Buches …

 
Im Vorwort des Buches lesen wir:

… in dem Glauben, daß viele, die unglücklich sind, glücklich werden könnten, wenn sie es nur richtig anzufangen verstünden, habe ich dieses Buch geschrieben.
(Russell 1977: 7)

Er unterteilt sein Werk sodann in zwei Teile. Teil 1 beschäftigt sich mit den „Ursachen des Unglücks“ (Müdigkeit, Neid, Schuldgefühle, …) während Teil 2 die „Ursachen des Glücks“ (Lebensbejahung, Zuneigung, Familie und Ehe, …) erörtert.

Russell will seine persönlichen Erfahrungen, Beobachtungen und Rezepte zum Glück anführen.

Ihm selbst war das Leben in der Jugend verhasst, er spielte sogar mit Selbstmordgedanken. Erst später fand er Freude daran (vgl. Russell 1977: 14).

Das Ziel der Schrift ist es, dem Menschen mit Gedanken, Ideen und Werkzeugen dabei zu helfen, glücklich zu werden.

Wichtig ist hier, dass es Russell immer um den Einzelnen geht und wie dieser glücklich werden kann. Es geht nicht um die Erlangung von Glück oder mehr Glück durch größere gesellschaftliche Veränderungen. Es geht nicht um Veränderungen in der sozialen oder wirtschaftlichen Struktur eines Landes oder gar eines Kontinents. Diese Präzisierung seiner Methode wiederholt er immer wieder und er löst sie implizit auch ein.
 

Zwischenfazit …

 
Was kommt dann am Ende raus bei seinem Vorhaben?

Ein leicht verständliches Nachgrübeln über verschiedenste Gefühle, Institutionen oder Konventionen, die den Menschen glücklich oder unglücklich machen können.

Eine Momentaufnahme der damaligen europäischen Gegenwart („The Conquest of Happiness“ erschien 1930).

Ein Buch mit vielen auf der Hand liegenden Schlussfolgerungen für die man kein Mastermind wie Russell zu sein braucht.

Eine Schrift mit vielen aussagekräftigen Passagen von einem Menschen, der hochintelligent war, aber auch das Leben liebte und von seinem Elfenbeinturm herabkam, um anderen zu helfen.
 

Die Essenz…

 
Aus den 17 Kapiteln eine Grundbotschaft herauszudestillieren, ist nicht so einfach …

Es steckt keine systematische Anleitung darin, wie man nun glücklich ist oder wird.

Deshalb fällt es mir jetzt – unmittelbar nach der Lektüre – schwer, zu sagen, wie man nach Russell nun dieses Vöglein genannt Glück erobert.

Ob man es am besten zähmt, mit ihm zwitschert oder es abschießt, brät und isst.

Eine Aufforderung Russells findet sich jedoch immer wieder. Ich weiß nicht, ob er sie selbst ins Zentrum seiner Jagd nach dem Glück stellen würde. Ich weiß nicht, ob ich ihn richtig gelesen habe.

Die Aufforderung ist eigentlich eine zweifache: Der Mensch, der glücklich sein will, soll einerseits seinen Blick nach außen (und nicht nach innen) lenken und andererseits seine Interessen weit streuen.

Ich kann Russell hier durchaus folgen: Wer sich in egozentrischer, narzisstischer Selbstversenkung verliert und dunklen Gedanken nachgeht, hat es schwer, zum Glück zu finden. Wer sich nach außen hin öffnet, einem der vielen schönen Dinge, die die Welt bietet, Gefallen abgewinnt, wird es leichter haben. Und jener, der nicht nur eines dieser schönen Dinge schätzt und all seine Freude dadurch aufbaut sondern seine Interessen und Leidenschaften weit streut, der wird es am besten haben.
 

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Der wahre Wert des Buches …

 
Dieser Grundsatz scheint einleuchtend aber auch ein wenig platt.

Wie vieles wovon Russell in „Eroberung des Glücks“ redet.

Der wahre Wert des Buches liegt für mich daher nicht in der Essenz sondern in einzelnen Passagen, die das Buch lesenswert machen;

1. Liebe

Sehr spannend sind einige Worte, die Russell zur Liebe sagt.

Er beschäftigt sich mit ihr in Kapitel 2 („Byronscher Weltschmerz“) und schreibt ihr einen durchaus bedeutenden Platz im Leben der Menschen zu.

Die Liebe ist zuallererst eine „Glücks- und Freudenquelle“ (Russell 1977: 29). Darüber hinaus vermag sie es, die höchsten Genüsse im Leben noch zu steigern (Musik, Sonnenaufgänge, Vollmondnächte et cetera sind mit der/dem Geliebten noch schöner). Außerdem gelingt es ihr, die „harte Schale des Ichs zu zerbrechen“ (Russell 1977: 29). Sie schafft es, das Glück des jeweiligen Partners/der jeweiligen Partnerin durch das Zwei-Sein noch zu vermehren.

Für Russell ist die Liebe am Weg zu einem durch und durch erfüllten Leben also nicht wegzudenken. Er spricht sich gegen sogenannte „Einsamkeitsphilosophien“ aus, die in der Geschichte teilweise hoch angesehen und gelebt wurden.

Liebe ist die vornehmste und häufigste Form des Empfindens, das zum Zusammenwirken mit andern führt, und keiner, der irgendeine tiefwurzelnde Liebe erlebt hat, wird etwas von einer Philosophie wissen wollen, die ihr höchstes Gut als von der geliebten Person unabhängig hinstellte.
(Russell 1977: 30)

2. Selbsteinschätzung

Eine andere Passage, die ich fett unterstrichen habe, ist Folgende:

Ein Mensch, der sich selbst unterschätzt, wird stets angenehm von Erfolgen, einer, der sich überschätzt, stets unangenehm von Mißerfolgen überrascht werden. Es ist daher klug, von sich selbst nicht allzu eingenommen zu sein, aber auch wiederum nicht so bescheiden, daß aller Unternehmungsgeist schwindet.
(Russell 1977: 100)

Russell ist also der Ansicht, dass eine bescheidene Einschätzung der eigenen Fähigkeiten zu einer „Glücksquelle“ (Russell 1977: 100) werden kann.

Schon öfter habe ich die Beobachtung gemacht, dass, wenn es läuft, ich mehrere gute Leistungen aneinanderreihe, die Einschätzung meines Könnens steigt. Plötzlich denke ich, dass ich nie wieder Probleme haben werde in einem Spiel. – Und dennoch kommt dieses Spiel und ich falle von hoch oben sehr tief.

Umgekehrt: Es läuft schon länger nicht so gut, ich akzeptiere, dass ich gerade eine schlechtere Phase habe und siehe da: auf einmal kommt mir ein sensationelles Spiel aus. Dann noch eines, dann noch eines und so weiter und so fort … Die Selbsteinschätzung war niedrig, die Leistung dennoch sehr gut und das Resultat: positives Überrascht-Sein.

Aber soll das nun heißen, dass ich in jedes Spiel mit dem Gedanken reingehen soll „Ja, ich werde mein Bestes geben aber ich erwarte mir keine besondere Leistung!“? – Russells Beobachtung kann ich zwar nachvollziehen, gleichzeitig führt sie mich aber – als Sportler – in ein Dilemma.

3. Sucht nach Beifall

Noch eine weitere Passage fand ich sehr treffend;

An mehreren Stellen des Buches geht es um die Arbeit und ihre Stellung in Beziehung zum Glück des Menschen.

Russell schreibt:

Freude an seiner Arbeit steht jedem offen, der irgendeine besondere Anlage in sich entwickelt, vorausgesetzt, daß er sich durch Ausübung seiner Fertigkeiten befriedigt fühlt, ohne nach dem allgemeinen Beifall zu streben.
(Russel 1977: 103).

Das „ohne nach dem allgemeinen Beifall zu streben“ gab mir zu denken.

Ich bezog es natürlich auch wieder auf mich. Und ich fand heraus, dass der allgemeine Beifall sehr wohl ein wichtiger Faktor ist, weshalb ich Freude an meiner Arbeit habe. Aber sicher nicht der Einzige.

Fakt ist, dass Russell hier durchaus Recht hat. Vollkommen glücklich für alle Zeit und in jeder Phase kann nur diejenige Arbeit machen, die auch ohne Streben nach Applaus und Anerkennung für das Geleistete konstante Befriedigung bringt.
 

“Widerspruch, Herr Russell“

 
Es gibt aber auch Absätze in der „Eroberung des Glücks“, wo ich mit Bertrand Russell nicht d’accord gehe.

So respektiere ich durchaus, dass dieser Mann sagt, dass „kein Glück so groß ist wie das, welches im Elterntum liegt“ (Russell 1977: 135). Das passt im Übrigen auch gut mit der weiter oben bereits breiter ausgeführten Hochschätzung der Zweisamkeit zusammen und der Geringschätzung der Einsamkeitsphilosophien. Es ist eine – seine – Meinung. Allerdings irritiert mich der Satz „… wer einer Lebensanschauung huldigt, die ihn so wenig glücklich macht, daß ihm nichts daran liegt, Kinder zu zeugen, ist biologisch zum Tode verurteilt und muß in absehbarer Zeit durch etwas Heiteres und Erfreulicheres abgelöst werden.“ (Russell 1977: 40).
Denn hier behauptet er, dass ein glücklicher Mensch normalerweise automatisch Kinder zeugt, rein deswegen, WEIL er glücklich ist. Der Umkehrschluss daraus: Wer keine Kinder bekommt, ist nicht glücklich. Und das sehe ich überhaupt nicht so!

An manchen Stellen überschätzt er meiner Meinung nach auch das Potenzial der Vernunft;
„… ich möchte den Leser überzeugen, daß – was man auch einwenden möge – Vernunft kein Hindernis für Glück ist …“ (Russell 1977: 20) sagt Russell in Kapitel 2. Die Argumentation dazu würde hier zu weit führen. Ich will nur sagen, dass er an manchen Stellen von der Vernunft um einiges überzeugter zu sein scheint, als ich es bin. Vielleicht haben geistig überragende Menschen wie er aber auch eine andere und noch bessere entwickelte Art von Vernunft. Das könnte ich mir durchaus vorstellen …
 

Ein paar Schmankerl zum Schluss …

 
Am Ende will ich noch ein paar weitere Leckerbissen aus Russells Büchlein unkommentiert an meine Leserinnen und Leser weiterleiten, so dass sie sich eigene Gedanken dazu machen mögen;

1. Manchmal erscheint uns hier im Paradies alles eitel …

Ich kenne aus eigenster Erfahrung die Stimmung, in der man alles als eitel empfindet; wenn ich mich ihr entriß, so gewiß nicht kraft irgendeiner philosophischen Einsicht, sondern weil die dringende Notwendigkeit zu handeln an mich herantrat. Der Vater, dem sein Kind erkrankt, mag unglücklich sein, sicher aber wird er nicht das Gefühl haben, alles sei eitel; sondern er wird von der Empfindung beherrscht werden, daß für die Genesung des Kindes alles geschehen muß, einerlei, ob im menschlichen Dasein letztlich ein Wert liegt oder nicht […] Das menschliche Tier ist gleich anderen Tieren auf ein gewisses Maß von Daseinskampf eingerichtet, und wenn jemand so reich ist, daß er all seinen Launen mühelos nachgehen kann, beraubt ihn das bloße Fehlen jeder Anstrengung eines wesentlichen Glückselementes. Wer sich jeden, auch den nebensächlichsten Wunsch erfüllen kann, schließt daraus, daß es nicht glücklich macht, zu erlangen, was man begehrt. Ist er von philosophischer Denkart, dann geht er so weit, zu folgern, das menschliche Leben sei nichts wert, da selbst derjenige sich unglücklich fühlt, der alles hat, was er will. Er vergißt nur, daß es unbedingt mit zum Glück gehört, manches, was man möchte, nicht zu haben.
(Russell 1977: 22 f.)

2. Wie Russell das Erziehungssystem revolutionieren würde …

Ich würde suchen, der heranwachsenden Jugend die Vergangenheit lebhaft gegenwärtig zu machen, ihr deutlich einzuprägen, daß die Zukunft der Menschheit aller Voraussicht nach undenkbar viel länger sein wird als ihr bisheriges Erdendasein; ihr die Winzigkeit unseres Planeten und die Tatsache, daß das Leben auf ihm nur ein vorübergehender Vorgang ist, tief zum Bewußtsein bringen; und zugleich mit diesen Tatsachen, die geeignet sind, die Unwesentlichkeit des Individuums hervorzuheben, würde ich eine ganze Reihe von Tatsachen vorbringen, angetan, dem jugendlichen Geist die Größe begreiflich zu machen, deren jeder einzelne fähig sein kann, und das Wissen darum, daß uns durch alle Tiefen des Weltenraums hindurch nichts von ähnlicher Weltgeltung bekannt ist.
(Russell 1977: 156)

3. Russells Gedankennomaden-Plädoyer …

„Ein jeder von uns weilt nicht allzulange auf der Welt und muß trachten, in dieser kurzen Frist soviel wie möglich über diesen sonderbaren Ort und seine Stellung im All in Erfahrung zu bringen. Gelegenheiten zur Erlangung von Wissen fahren zu lassen, und seien sie noch so unvollkommen, ist eben dasselbe, wie wenn man ins Theater ginge und nicht aufpaßte, was gespielt wird. Die Welt ist voll tragischer und komischer, heroischer, seltsamer oder überraschender Dinge, und wer sich nicht für das Schauspiel interessiert, das sie bietet, bringt sich um einen der Vorzüge des Lebens.“
(Russell 1977: 153)

 
 
 
Kennst du Russells „Eroberung des Glücks“? Kennst du andere Werke von Russell? Liest du auch gerne Bücher über das Glücklich-Sein? Was ist deiner Meinung nach die beste Strategie um dauerhaft ausgeglichen und glücklich zu sein? Kannst du mit Russells Vorschlägen etwas anfangen? Möchtest du noch mehr zu Russell erfahren?

Bitte hinterlasse deine Meinung, deine Anmerkungen oder deine Kritik in den Kommentaren.

Ich würde mich sehr darüber freuen!
 
 
 
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Vielen Dank!
 
Russells Eroberung des Glücks
Foto: Noah Silliman

Blogartikel veröffentlicht am 31.5.2017

Quelle: Russell, Bertrand (1977): Eroberung des Glücks. Neue Wege zu einer besseren Lebensgestaltung. Berlin: Suhrkamp.
 
 
 
Eroberung des Glücks: Neue Wege zu einer besseren Lebensgestaltung (suhrkamp taschenbuch) (*)
 

6 Kommentare Schreib einen Kommentar

  1. von Tanja

    Und woher weißt du, dass die 95% aller Ratgeber Schund sind? 🙂

  2. Wieder etwas gelernt über einen Philosophen … Danke Philipp. Mir gefällt auch „Menschen, die immer daran denken, was andere von ihnen halten, wären sehr überrascht, wenn sie wüssten, wie wenig die anderen über sie nachdenken.“
    Bertrand Russell

  3. von Gedankennomade

    Kein Problem.
    Ist aber nur ein Bruchteil dessen worüber Russell so nachgedacht hat.

  4. Du hast viele gute Passagen ausgewählt… da bekomme ich Lust mir das Buch auch wieder zu Gemüte zu führen.

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