Das Buch, das dich verändert. – „Zen Mind“

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„Zen Mind, Beginner’s Mind“ und mein „Coming-out“

 
Das Buch, das mich in den letzten Jahren am meisten verändert hat? – Es muss Shunryu Suzukis „Zen Mind, Beginner’s Mind“ gewesen sein.

Ich habe es innerhalb weniger Monate dreimal gelesen. Seitdem begleitet es mich auf Schritt und Tritt. Ich öffne es und lese hier und dort ein paar Sätze. Und schon bin ich wieder gefangen von Suzukis Denken. Ein Denken, dass eigentlich gar kein Denken ist. Doch dazu später mehr …
 

Wie kam ich zu „Zen Mind“?

 
Durch Michael Jordan. Ja, genau, ich meine den Basketballer. Für mich derjenige Athlet, der wie kein anderer sein Metier dominierte, und gleichzeitig die wahrscheinlich Hollywood-reifste Sportkarriere des letzten Jahrhunderts hinlegte.

So wollte ich schließlich auch mehr über Jordans legendären Coach Phil Jackson wissen, seines Zeichens erfolgreichster Trainer der NBA-Geschichte. (Elf Titel in der besten Basketball-Liga der Welt!)

Das Buch „Sacred Hoops“ gibt Einblicke in Jacksons Leben als Jugendlicher, Spieler und Trainer. Er wurde in einem streng protestantischen Haushalt erzogen, konnte aber mit der zuhause praktizierten Religion nie viel anfangen. So machte er sich schon früh selbst auf die Suche nach einer Lebensphilosophie, die ihm mehr geben konnte, als er in seiner christlichen Erziehung fand.

In „Sacred Hoops“ erzählt Jackson, wie er einerseits in spirituellen Praktiken der Native Americans, vor allem aber im Zen-Buddhismus, fündig wurde. Als Trainer war Jackson dafür bekannt, seine Spieler ganzheitlich und nicht nur am Court entwickeln und erziehen zu wollen. So gab er ihnen zum Beispiel auch Bücher zu lesen. Das Werk „Zen Mind“ erwähnt er wiederholt, einerseits als für ihn selbst bedeutend, andererseits aber auch als Beispiel für einen jener Texte, die er seinen Spielern empfahl.

Für mich war klar, dass ich dieses Buch studieren musste …

Von Michael Jordan kam ich also über Phil Jackson zu Shunryu Suzuki.
 

Zen-Buddhismus?

 
Der Zen-Buddhismus ist eine etwa im 5.Jahrhundert nach Christus entstandene Strömung des Buddhismus. Die Frage, was Zen ist und nicht ist, füllt ganze Bücher. Die besondere Logik des Zen-Buddhismus bringt es mit sich, dass einige Zen-Meister sogar meinen, mit Worten lasse sich nicht erklären, was Zen sei.

Die wichtigsten Punkte, die sich für mich selbst in fünf Jahren Beschäftigung mit dem Zen herauskristallisiert haben, sind folgende:

– Die Meditation („Zazen“)
– Das Leben im Moment
– Die Überwindung des Egos

Die ersten beiden Punkte werde ich im Folgenden näher beleuchten.
 

„Zen-Geist, Anfänger-Geist“

 
Auf Deutsch nennt sich das Buch, das ich bisher immer nur im Original gelesen habe, „Zen-Geist. Anfänger-Geist“.

Und dieser Anfänger-Geist ist ein Zustand, auf den Suzuki in seinem Buch immer wieder zurückkommt. Er soll kultiviert und zur Basis unseres Seins werden.

Wie? – Durch „Zazen“, die traditionelle Meditationstechnik des Zen-Buddhismus. „Zen Mind“ ist also auch oder vor allem eine praktische Anleitung zum Zazen.

Die Theorie ist einfach: Man platziert seinen Hintern auf einem Meditationskissen etwa einen Meter vor einer Wand, die Beine sind im Schneidersitz verschränkt, die Knie berühren den Boden. Der Rücken ist gerade, die Hände liegen gefaltet im Schoß. Der Kopf ist leicht gesenkt, die Augen geöffnet. Der Blick ist gegen die Wand gerichtet, der Atem tief und ruhig.

Und dann?

Dann verweilt man in dieser Position, versucht sie so gut es geht nicht zu verändern und konzentriert sich auf den Atem.

Mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen …
 

Was macht das Buch so besonders?

 
Ich wusste vor der Lektüre von „Zen-Mind“ wenig über Meditation und noch weniger über Buddhismus. Meditation fand ich langweilig und ich verstand den Sinn darin nicht. Mit Religionen konnte ich sowieso nie besonders gut.

Und dennoch wurde dieses Buch zu einer Offenbarung, wie ich sie so seitdem nicht mehr erfuhr.

Die einzelnen Kapitel sind Mitschriften von Suzukis Reden vor seinen Schülern. Eine seine Schülerinnen hatte sie aufgeschrieben, eine andere dann mit Suzuki selbst redigiert. Es sind daher Kapitel, in denen Suzuki in der Wir-Form spricht oder den Zuhörer im Du anredet. Eine eindringliche Form also. Natürlich ist es aber der besondere Inhalt seiner Worte, der mich so bewegte.

Wie fasse ich ihn zusammen?

Das Buch hat 150 Seiten und Suzukis spricht über verschiedene Aspekte des Zen.

Ich möchte versuchen, die Grundbotschaft herauszuarbeiten, die mich wachrüttelte und für den Zen-Buddhismus begeisterte.
 

Praxis und Leben im Moment …

 
„Denk nicht zu viel an das, was passieren könnte!“
„Grübeln über Vergangenes bringt nichts!“
„Genieße das Jetzt!“

Drei Phrasen, die jeder von uns schon oft gehört hat.
Drei Phrasen, die ich selbst oft gehört habe in den 25 Jahren vor meiner Lektüre von „Zen Mind“.
Und habe ich sie beherzigt? – Nein.

Sie waren vielleicht Mahnung („Denk nicht zu viel an das, was passieren könnte!“), Trost („Grübeln über Vergangenes bringt nichts!“) und Aufforderung („Genieße das Jetzt!“), allerdings nie mehr als das.

Seit „Zen Mind“ sind sie jedoch zu Grundpfeilern meiner Lebensphilosophie geworden, die extrem leicht (verständlich) und extrem schwer (ausführbar) ist.

Im Zazen geht es darum, mit Hilfe der Meditation unseren Affen-Geist, der uns stets von einem Gedanken zum nächsten treibt, zu beruhigen, und schließlich zum Schweigen zu bringen. Nur so können wir den bereits erwähnten Anfänger-Geist erreichen, der es uns erlaubt, die Welt so zu sehen, wie sie ist.

Nur der Anfänger-Geist lässt uns im Moment sein, im Moment aufgehen und Mitmenschen, sich selbst sowie die Umwelt unverfälscht wahrnehmen. Ohne Vorurteile, ohne Sorgen, ohne egoistische Intentionen.

Der Anfänger-Geist nennt sich zwar Geist eines Anfängers, wird aber nur von Meistern und Menschen, die den Affen-Geist bändigen können, erreicht. Er ist der Geist eines Anfängers, weil er die ursprüngliche Form ist. Die unveränderte, originäre Form des Geistes, von der wir uns im Laufe unserer Entwicklung aber leider entfernen.

Das Zazen oder die „Praxis“, wie die Meditationstechnik oft genannt wird, ist aber nicht alles. Es gibt hervorragende Zen-Mönche, die stundenlang ruhig auf ihrem Kissen sitzen können. Die wahre Kunst besteht aber darin, diesen Zustand der Ruhe und Ausgeglichenheit auch in den Alltag zu übertragen. Daher hört die Meditation in Zen-Klöstern nicht auf, sobald man sich vom Kissen erhebt. Daher geht man dort jeder anderen Aktivität (dem Putzen, dem Bestellen der Felder, dem Essen) ebenso mit klarem Anfänger-Geist nach, mit Achtsamkeit und Demut. Es geht darum, die Reinheit des Geistes, die am Meditationskissen erlangt wird, in das tägliche Leben mitzunehmen, ohne sich vom in Zukunft und Vergangenheit lebenden Affen-Geist die wertvolle Gegenwart stehlen zu lassen.

Um die Praxis am Kissen und im Alltag geht es auf den 150 Seiten von „Zen Mind“.

Wieso ist diese „einfache“ Weisheit für mich so etwas extrem Augenöffnendes gewesen?
 

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Ein Buch, das NUR MICH veränderte?

 
Ich denke, dank eines Mixes aus drei Gründen öffnete mir „Zen Mind“ die Augen.

1) Weil ich ich bin …

Und dieses ich immer ein Kopf- und Sorgenmensch war. Ein Ich das viel grübelte über Vergangenes. Das seine eigenen Entscheidungen im Nachhinein bereute. Das sich endlos Gedanken über die möglichen Folgen seines Tuns oder seiner Worte machte.

Ein darüber hinaus ängstliches Ich, dem Kontrolle wichtig, der Verlust von Kontrolle und das einfache Dahin-Treiben unangenehm war.

Ein zusätzlich extrem ehrgeiziges Ich, das den Wert seiner Taten zuallererst an deren Sinnhaftigkeit und Vorteilen in der Zukunft maß, anstatt dem Ausmaß an Glück, das sie in der Gegenwart brachten.

2) Weil die Meditation mit ins Spiel kam …

„Zen Mind“ begeisterte mich von Anfang an. Ich las es in zwei Tagen aus. Ohne mich zu irgendeinem Zeitpunkt in der Meditation zu üben. Erst beim zweiten Durchgang setzte ich mich erstmals im Schneidersitz auf ein Kissen. Für scharfe drei Minuten. Länger hielt ich es nicht aus.

Interessanterweise waren die folgenden Versuche aber sofort vielversprechender. Zehn Minuten am nächsten Tag. Dann zwölf, 14, 16, 18, schließlich 20. Ich genoss es und fand es spannend.

3) Weil Suzuki ganz einfach wundervoll-augenöffnende Sätze spricht …

Nur drei (bewusst unkommentiert gelassene) Passagen des Buches als Beispiele:

Eine erste über die Bändigung unserer Affengedanken …

„When you are practicing zazen, do not try to stop your thinking. Let it stop by itself. If something comes into your mind, let it come in, and let it go out. It will not stay long. When you try to stop your thinking, it means you are bothered by it. Do not be bothered by anything. It appears as if something comes from outside your mind, but actually it is only the waves of your mind, and if you are not bothered by the waves, gradually they will become calmer and calmer … Nothing outside yourself can cause any trouble. You yourself make the waves in your mind. If you leave your mind as it is, it will become calm. This mind is called big mind.“
(Suzuki 2011: 17 f.)

Eine zweite über den Frosch, der unwissentlich Zazen praktiziert …

„A frog also sits like us, but he has no idea of zazen. Watch him. If something annoys him, he will make a face. If something comes along to eat, he will snap it up and eat, and he eats sitting. Acutally that is our zazen – not any special thing.“
(Suzuki 2011: 67)

Und eine dritte – etwas längere – über das voreingenommene Zuhören und Verstehen …

„When you listen to someone, you should give up all your preconceived ideas and your subjective opinions; you should just listen to him, just observe what his way is. We put very little emphasis on right and wrong or good and bad. We just see things as they are with him, and accept them. This is how we communicate with each other. Usually when you listen to some statement, you hear it as a kind of echo of yourself. You are actually listening to your own opinion. If it agrees with your opinion, you may accept it, but if it does not, you will reject it or you may not even really hear it. That is one danger when you listen to someone … A mind full of preconceived ideas, subjective intentions, or habits is not open to things as they are. That is why we practice zazen: to clear our mind of what is related to something else.“
(Suzuki 2011: 76 f.)
 

Wie ich mir die besondere Wirkung von „Zen Mind“ also erkläre?

 
– Ich glaube, dass die treffenden, augenöffnenden Worte Suzukis (Grund 3) gepaart mit der Meditation, die es mir tatsächlich schnell ermöglichte, zur Ruhe zu kommen und diese Ruhe in den Alltag mitzunehmen (Grund 2), mit meinem speziellen Charakter (Grund 1) kollidierten, dieser Cocktail (Grund 1+2+3) also eine explosive Reaktion auslöste in meiner Einstellung zum Leben, die ich weiter oben als „Offenbarung“ bezeichnet habe.

Die Philosophie des Zen-Buddhismus in Suzukis Worten zusammen mit der Meditation waren wie ein heftiger Schlag mit dem Stock auf meinen Kopf, der mich all diese Eigenarten, die in mir steckten, von Grund auf hinterfragen ließ und mir letztendlich die Augen öffnete;

Ich grüble zu viel.
Ich lebe zu sehr in Zukunft und Vergangenheit.
Ich bin krankhaft strebsam und ehrgeizig.
Ich nehme mich viel zu wichtig.
Ich bin grundlos ängstlich.

All dies verstand ich auf einmal und all dies versuche ich seither – mit Hilfe des Zen-Buddhismus – Schritt für Schritt zu verändern.

Überzeugt das?

Vielleicht nur jene Menschen, die ähnlich gestrickt sind (waren?) wie ich.

Denn ich bin sicher, dass es Persönlichkeiten gibt, die dem Frosch aus dem Zitat gleichen. Die also komplette Gegenwarts-Menschen sind und die Philosophie des Zen quasi in ihren Genen haben, ohne sie üben zu müssen, ohne sich diesem Faktum bewusst zu sein.
 

PHILOSOPHIE des Zen …

 
Warum spreche ich eigentlich von der PHILOSOPHIE und nicht von der RELIGION des Zen-Buddhismus? Gehört der Buddhismus nicht zu den großen WeltRELIGIONEN?

Ja, in den Reigen dieser wird er oft platziert, allerdings meist auch mit dem Hinweis, dass man bei ihm nicht im gleichen Sinne von einer Religion sprechen kann, wie bei den anderen klassischen Weltreligionen (Christentum, Islam, Hinduismus und Judentum).

Die Hauptgründe dafür sind, dass im Buddhismus kein Schöpfergott verehrt wird und dass Buddha, die herausragende Persönlichkeit im Buddhismus (beachte: PERSÖNLICHKEIT und nicht: GOTT), seine Schüler dazu aufforderte, seine Lehre nicht einfach unreflektiert aufzunehmen, sondern sich selber auf die Suche zu begeben. Charakteristika, die ich sehr sympathisch finde.

Ob Buddhismus nun Religion oder Philosophie ist, wird von verschiedenen Menschen verschieden beantwortet und kann hier nicht weiter diskutiert werden, ohne den Umfang des Artikels zu sprengen.
 

Zen und der Gedankennomaden-Blog …

 
Über die Idee, das Buch „Zen Mind“ im Gedankennomaden-Blog zu besprechen, habe ich lange und intensiv nachgedacht.

Der Grund dafür ist folgender:

Ich habe bereits und werde weiterhin viel über die abendländische Philosophie berichten, deren vielleicht wichtigstes Instrument das reflektierende Denken ist, mit dessen Hilfe sie Probleme erkennt und Lösungen sucht.

Gerade dieses reflektierende Denken ist es aber, das im Zen-Buddhismus immer wieder in Ungnade gerät. Denn das reflektierend-dualistische Denken (zum Beispiel das Denken in gut und schlecht), das auf der Logik fußt, aber auch das nie enden wollende Weiter-Fragen der Philosophen, das geradezu besessene Züge annehmen kann, stehen im Widerspruch zum Anfänger-Geist im Zen.

Warum? Weil beides wegführt vom Zustand, den wir mit Hilfe der Meditation zu erlangen und den wir sodann in den Alltag zu transportieren versuchen. Ein gedankenloser Zustand ohne Vorurteile, ohne Vorgedachtes oder von anderen Menschen Vorgefertigtes. Reine erlebte Gegenwart ohne begriffliches Denken.

Dieser Anfänger-Geist könnte nun aber wiederum von so manchem Philosophen als „primitiv“ angesehen werden, zeichnet er sich doch gerade durch einen Verzicht auf das reflektierende Denken, auf unseren Verstand und unsere Logik aus. Durch einen Verzicht auf die Instrumente, durch die wir Menschen uns – laut den Philosophen – auszeichnen.

Auf Grund meiner Affinität zum Anfänger-Geist könnte mich der eine oder andere Hardcore-Philosoph also bezichtigen, das reflektierende Denken (oder den Verstand oder die Logik), unser heiliges Instrument, nicht zu schätzen oder sogar schlecht zu machen. Er könnte sogar so weit gehen, mich in die Esoterik-Ecke zu drängen, in der irrational Dunkles zusammengeschwafelt und -getragen wird. Eine Ecke, in der es nicht sehr angenehm ist.
 

Zwei Arten (Modi) des Seins …

 
Ich bin sicherlich kein Esoteriker im heutigen Sinne des Wortes, der so viel wie einen irrationalen Quacksalber meint. Horoskope, Handlesen oder Globuli mögen dem ein oder anderen Menschen Freude bereiten oder sogar helfen und das ist gut so, ich selbst kann damit aber nichts anfangen.

Meditation und den Anfänger-Geist sehe ich aber definitiv NICHT im Bereich des so verstandenen Esoterischen. Vielmehr sehe ich darin eine „alternative Art des Seins“.

Wie meine ich das?

Ich denke, dass der Mensch im groben in zwei verschiedenen Arten durchs Leben gehen (oder sitzen/liegen/…) kann.

Einerseits im Modus des reflektierenden Denkens. Dies ist der Modus, in dem wir an die Zukunft denken oder in der Vergangenheit hängen bleiben, und der uns so all die Probleme des Affengeistes beschert, die uns letztendlich verrückt machen. Es ist aber auch der Modus, der uns in den Wissenschaften voranschreiten lässt und der uns all die großartigen Gedanken der klassischen abendländischen Philosophie beschert hat. Ein Modus, den ich also auf keinen Fall missen möchte.

Andererseits kann der Mensch sich aber auch im Modus des Anfänger-Geistes befinden. In dem Modus, um den es schon diesen ganzen Artikel lang geht. In dem der Mensch in der Gegenwart aufgeht, sein reflektierendes, beurteilendes und wertendes Denken ausschaltet und einfach nur IST.

Ich sehe im letzteren Modus nichts Primitives sondern einfach eine alternative Art zu sein, die wiedererlangt werden sollte, was uns aber sehr schwer fällt.

Eine alternative Art des Seins, die zu Unrecht als roh abgestempelt wird, als ein negativ besetztes „Träumen“ bezeichnet wird. Denn jeder, der zumindest ab und zu versucht, zu diesem Anfänger-Geist zu gelangen und dort zu verweilen, vielleicht sogar versucht, ihn in seinen Alltag zu transportieren, der wird verstehen, wieviel damit gewonnen ist.
 

Ich oute mich hiermit als meditierender Philosoph!

 
Als meditierender Philosoph, der unter anderem dann meditiert, wenn ihn das fünfstündige Büffeln der „Kritk der reinen Vernunft“ für eine anstehende Prüfung so sehr in den Modus des reflektierenden Denkens versenkt hat, dass die Grübelei beim Versuch einzuschlafen nicht aufhören würde und der einzige Weg, aus diesem Meer der Begriffe wieder aufzutauchen derjenige ist, durch zwanzig Minuten am Meditationskissen ein wenig Anfänger-Geist zu erlangen, um danach in Frieden einzuschlummern.

Wer denkt, dass die Meditation das zuvor im reflektierenden Modus Erschlossene wieder löscht, der liegt falsch.

Wer in Anfänger-Geist und dem reflektierenden Denken eine Gegenüberstellung sieht, bei der man sich für eine Seite entscheiden muss, dem kann ich nur sagen, dass er sich irrt.

Und demjenigen, für den ich mich durch meine Affinität zum Anfänger-Geist als „ernstzunehmender Denker“ disqualifiziert habe, dem kann ich nur Ignoranz vorwerfen …

… und die Lektüre von Suzukis magischen Buch empfehlen.
 
 
PS: Ich bin KEIN Buddhist und ich möchte hier NICHT für eine Religion missionieren. Ich schreibe ganz einfach über ein Buch, das mich verändert hat und mir viele bedeutende Anregungen gab.

 
 
 
Hast du „Zen Mind“ bereits gelesen? Und wenn ja, was hältst du davon? Kannst du mit Meditation etwas anfangen? Warum beziehungsweise warum nicht? Welche Art von Meditation praktizierst du? Siehst du in der Gegenüberstellung der zwei Seins-Modi, wie ich sie im Text beschreibe, ein Problem? Bist du eher ein Kopf- oder mehr ein Gegenwartsmensch? Hast du noch weitere Fragen, Anregungen oder Verbesserungsvorschläge zum Text?

Hinterlasse das, was dir am Herzen liegt, einfach in den Kommentaren oder schreibe mir eine Email.

Ich freue mich auf deine Beiträge!

 
Zen Mind Beginner's Mind
Foto: Josh Adamski

Blogartikel veröffentlicht am 13.2.2017,
aktualisiert („PS“ hinzugefügt, Foto verändert) am 14.2.2017

Quelle: Suzuki, Shunryu (2011): Zen Mind, Beginner’s Mind. Informal talks on Zen meditation and practice. Boston and London: Shambhala.
 

 
Die deutsche Übersetzung:
 
Das Buch, das dich verändert - Zen Mind

6 Kommentare Schreib einen Kommentar

  1. von Erich

    Hallo Philipp,

    Das Buch „Zen Mind“ hab ich noch nicht gelesen, das Thema allgemein und Meditation im Speziellen hat mich im Verlauf meines Lebens jedoch stets begleitet. Ich bin grundsätzlich ein Mensch, der tendenziell stark in der Gegenwart, im „Hier-und-jetzt“ lebt. Ich plane nicht weit in die Zukunft, sondern lege die Weichen für die Zukunft indem ich in der Gegenwart sämtlichen Möglichkeiten eine Chance einräume. Dafür ist natürlich sehr viel Flexibilität notwendig. Diese Flexibilität hat man vermutlich nicht in jeder Lebenssituation/-phase bzw. nicht ohne gewisse Konsequenzen tragen zu müssen.

    Ich denke in der Gegenwart zu leben ist in unserer Gesellschaft nicht immer einfach. Es gilt oft einen gewissen Lebensplan abzufahren, für das Alter vorzusorgen, für Kinder eine tolle Zukunft zu ermöglichen. Macht man das nicht, erntet man schnell Unverständnis. Man bringt große Opfer in der Gegenwart, der Zukunft wegen. Paradox ist dabei, dass die vermeintlich bessere Zukunft einer schönen Gegenwart oft im Weg steht, während eine optimierte Gegenwart einer schönen Zukunft eigentlich sehr zuträglich sein sollte. Um sich genau das bewusst zu machen, sich runterzufahren und von den Zwängen der modernen Gesellschaft zu lösen, ist Mediation ein tolles Mittel. Es hilft in sich zu gehen und zu erkennen, was gerade in diesem Moment wichtig ist. Sehr oft stellt sich heraus, dass es sehr wenig ist, was man wirklich braucht. Ich leite hiermit quasi auf eine andere Philosophie über, nämlich jene des Minimalismus, welche ich auch sehr interessant finde.

    • von Gedankennomade

      Lieber Erich,

      Sehr schöne und wahre Worte hast du da gefunden! Ich stimme dir natürlich zu.

      Es ist tatsächlich oft schwer in unserer westlichen Gesellschaft einen Lebenswandel zu rechtfertigen, der wenig bis gar nicht zukunftsorientiert ist. Und dennoch kommt es mir vor, als ob das meist die glücklichsten Menschen sind, jene, die sich nicht zu viel Gedanken über das Kommende machen und in der Gegenwart mit bescheidenen Mitteln gut auskommen.

      Natürlich ist es leichtsinnig, sich ganz und gar nicht damit zu beschäftigen, wohin einen das Leben in den nächsten Monaten und Jahren führen könnte, doch das Ausmaß an Gedanken und Sorgen, die manche Menschen für diese Planungen verlieren, ist für mich oft nicht nachvollziehbar. Meist reicht mir ein Blick in die Zeitung und zu sehen, wie sich täglich viele Leben von einer Sekunde auf die andere völlig ändern können durch einschneidende Erlebnisse, wie täglich auch viele Leben ausgeknipst werden, einfach so, völlig unvorhergesehen, um von Gedanken an meine Zukunft wieder in die Gegenwart zurückzukehren.

      Wie bist du denn genau auf die Meditation gekommen und welche Art von Meditation betreibst du genau?

      Vielen Dank für deine Gedanken,
      bis bald,
      Philipp

  2. von Erich

    Lieber Philipp,

    Meinen Beitrag zu Montaigne passt thematisch auch gut in diese Diskussion. Ich denke das Leben in der Zukunft wird auch sehr stark von der Angst getrieben. Angst kein Geld zu haben, Angst die Familie nicht versorgen zu können, Angst vor Krieg, usw. Diese Ängste werden meiner Meinung nach durch fehlendes Vertrauen hervorgerufen. Und dieses fehlende Vertrauen basiert meist auf negativen Erfahrungen der Vergangenheit. Die Vergangenheit und die Angst, dass sich die Vergangenheit in der Zukunft wiederholt verhindern somit eine intensive Auseinandersetzung mit dem Leben in der Gegenwart.

    Ich bin quasi mit Meditation aufgewachsen und gerade seit dem Einstieg ins Berufsleben gibt mir die Meditation sehr viel, da ich mich selbst runterfahren kann, und sie mir hilft, meine Gedanken zu ordnen, mich auf das für mich Wesentliche zu besinnen. Ich sitze zumeist aufrecht auf einem bequemen Stuhl, und beginne damit tief ein- und auszuatmen, um anschließend meinen „Chant“ zu beginnen.

  3. von Gedankennomade

    Lieber Erich,
    Ja, das tut er, deswegen auch der Hinweis unterm Montaigne-Artikel, das mich Montaignes Zitat an den Zen-Buddhismus erinnert.
    Du sagst: Leben in der Zukunft basiert auf Angst. Angst basiert auf fehlendem Vertrauen. Fehlendes Vertrauen basiert auf negativen Erfahrungen in der Vergangenheit. Diese Kette klingt einleuchtend.
    Ich denke aber, die Angst basiert auch auf Angst-Mache vom familiären Umfeld, von den Medien und Gehirnwäsche in der Schule. Und nein, ich meien das jetzt nicht mit verschwörungstheoretischer Sicht der Dinge, also dass bewusst Angst geschürt wird, damit man uns klein hält und damit wir brav arbeiten. Sondern dass Angst-Mache in unserer Gesellschaft in mehreren Bereichen präsent ist auf eine Weise wie sie – so denke ich – in anderen Kulturen nicht existiert. Du hast das ja selbst schon in einem anderen Kommentar gesagt, dass wir Europäer da vielleicht die Extremsten auf der ganzen Welt sind in Sachen Vorsorgen-Müssen et cetera …

    Mit Meditation aufgewachsen? Also schon bei den Eltern gesehen?

    Und was genau ist dein „Chant“?

    Sehr persönliche Fragen. Musst sie natürlich nicht hier beantworten!

  4. von Dianna

    Hallo Philipp, Ich freue mich dass es hier die Möglichkeit gibt, sich auszutauschen. Zen Mind habe ich noch nicht gelesen, jedoch wurde mir früher die Zen-Philosophie ans Herz gelegt. Ich finde es spannend, wie die Themen immer wieder kommen und ich denke so lange bis sie bearbeitet sind.
    Die Gegenüberstellung zwischen Kopf und Gegenwartsmenschen sehe ich etwas anders. Gibt es nicht auch eine Grauzone. Ein Bereich indem versucht wird beides zu integrieren?
    In meiner Auseinandersetzung mit kultur- und sozialanthropologischen Themen ist mir bekannt, dass es sehr schwer ist den Blick, vorurteilsfrei zu wahren. Ethnozentrische Ansichten sind die Regel. Ich für meinen Teil muss zugeben, dass ich daran arbeite meine Vorurteil abzubauen.

    Liebe Grüße

    • von Gedankennomade

      Liebe Dianna,
      Ja, das ist auch eine Beobachtung, die ich bereits mehrere Male gemacht habe, dass gewisse Themen im Leben, die für einen individuell interessant sein können, mehr als einmal auftauchen. Auch ich schiebe vieles vor mich her, dem ich mich eigentlich einmal widmen möchte/sollte und dann kreuzt etwas davon ein weiteres Mal meinen Weg und ich seh es mir endlich genauer an.
      Klar. Ich denke, das formuliere ich auch so in meinem Artikel. Die Grauzone gibt es und in der bewegen wir uns auch ständig. Zwischen Kopf- und Gegenwartsmensch. Der eine mehr an diesem Ende, der andere mehr am anderen.
      Und dass wir offen, weitblickend und vorurteilsfrei sind, das reden wir uns ein, ist aber in Wahrheit keiner zu 100 Prozent. Die meisten sind sogar sehr weit davon entfernt, interessanterweise oft jene, die von sich glauben, tolerant und offen zu sein.

      Bis bald,
      Philipp

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