Der perfekte Lehrer – Eine Hommage, keine Anleitung

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Eine Hommage an Herrn Professor R

 
Wie sieht er aus der perfekte Lehrer? Eine vielgestellte Frage in der heutigen Zeit. In einer Zeit, in der unsere Lehrer ausbrennen und unsere Schüler – laut PISA – immer schlechter werden.

Ich weiß, wie er aussieht, und ich werde hier und jetzt über ihn schreiben, weil …

– … es in meinem Blog auch um persönliche Entwicklung geht und dieser Mann wusste, wie man junge Menschen begeistern und zum BlĂĽhen bringen kann.
– … mir bisher kein anderer Mensch so viel Lust am Wissen und Verstehen machen konnte.
– … er Vorbild fĂĽr alle Lehrerinnen und Lehrer da drauĂźen sein sollte.
– … ich seither keinem Menschen mehr so gerne zugehört habe.
– … ich ihm immer schon einmal eine Hommage widmen wollte.
 

Viel zu kurz …

 
Leider war ich viel zu kurz in den Fittichen von Herrn Professor R. Ich hatte ihn in der ersten Klasse Gymnasium in Mathe und danach erst wieder in der Achten in Physik. Dazwischen sah ich ihn lediglich in seiner ruhigen, ausgeglichenen und stets in Gedanken versunkenen Art durch die Gänge schreiten, auf dem Weg, fremde Klassenzimmer zum Grübeln zu bringen.

Schon Mathe in der Ersten war interessant. Doch Physik in der Achten wurde zur Offenbarung.

Physik war bis dahin ein Fach, das fĂĽr mich irgendwas mit Mathematik zu tun hatte. In dem man Durchschnittsgeschwindigkeiten und Beschleunigungen ausrechnen musste. In dem man ab und zu Experimente machte, die mich langweilten und nervten, weil man ständig ein steriles Protokoll dazu anfertigten musste. Physik war öde und nicht greifbar. Physik war fĂĽr den A…. .
 

Physik 2.0

 
Doch dann kam in der ersten Schulwoche meines Matura-Jahres Professor R ins Klassenzimmer und sollte meine Meinung von diesem Fach von Grund auf verändern.

„Was habt ihr denn bisher so in Physik gemacht?“, lautete seine erste Frage. Wir sahen uns gegenseitig an und warfen ihm ein paar Brocken hin, die im Nu zeigten, dass wir in Wahrheit keine Ahnung von seinem Fach hatten. Er schien einigermaßen verwundert darüber zu sein, wie wenig wir wussten.

Doch es machte ihm nichts. Er fragte uns nach groben Interessen, fragte uns, mit welchen Problemen wir uns in den nächsten Monaten beschäftigen wollten. Innerhalb von gut zehn Minuten schien er während des Gesprächs in Gedanken einen Lehrplan für das Jahr zu entwerfen. Und schon ging es los …
 

Es kommt auf den Lehrer an, nicht auf das Fach …

 
Eine alte Weisheit. Aber eine wahre. Ich war meine gesamte Kindheit und Jugend viel mehr im Lesen, im Schreiben und bei den Sprachen zuhause, während ich Mathematik, Chemie und Physik mit deutlich weniger großer Begeisterung folgte. Auch meine Stärken lagen klar im ersten, im humanistischen Bereich.

Doch dann kam Professor R und wenn mich heute jemand fragt: „Was war dein Lieblingsfach in der Schule?“, antworte ich immer: „Physik im Maturajahr!“.

Wie stellte er das also an?
 

Ein Universalgelehrter …

 
Beschäftigt man sich mit großen Wissenschaftlern des 18. oder 19. Jahrhunderts, fragt man sich, wie es möglich ist, dass damals der gleiche Forscher größte Leistungen in verschiedensten Fachgebieten erbringen konnte.

Der Grund dafĂĽr, dass dies heute nicht mehr vorkommt, liegt in der auf diese Zeiten folgenden BlĂĽte der Wissenschaften und in der extremen Spezialisierung, welche die Einzelwissenschaften erfuhren.

So ist es heute für ein Individuum unmöglich, in mehreren Wissenschaften federführend zu sein. Ja, es ist sogar schon ein Ding der Unmöglichkeit geworden, auch nur den gesamten Forschungsstand EINER Wissenschaft zu überblicken.

Der so genannte Universalgelehrte existiert nicht mehr.

Doch existieren noch Menschen, die zumindest versuchen, solch einer zu sein.

Und so einen sah ich in Herrn Professor R.
 

Der perfekte Lehrer …

 
Professor R kommt mit seinem Kreidehalter ins Klassenzimmer. Bücher oder Aufzeichnungen hat er keine dabei, zumindest kann ich mich nicht daran erinnern, dass er vorne an der Tafel jemals in irgendetwas geblättert hätte …

Er informiert sich kurz darüber, wo wir das letzte Mal stehen geblieben sind, stößt ein kurzes „Aja, genau!“ aus, versinkt ein paar Sekunden in stummen Grübeleien und legt schließlich los …

Wir befinden uns mitten in der Relativitätstheorie und den somit krassesten Gedankenspielen, die ich während der ganzen Schulzeit zu Ohren bekommen werde.

Alles, was er sagt, ist verständlich. Er plagt uns kaum mit lästigen Rechenaufgaben. Er lässt Fragen zu und beantwortet sie so lange und auf unterschiedlichste Weisen, bis jeder sie verstanden hat. Er malt seine kleinen Männchen an die Tafel, die einfach aber genial demonstrieren, was er uns gerade erklärt hat. Er übt sich in unnachvollziehbarer Kopfrechenakrobatik, die aber – jedesmal wenn wir am Taschenrechner prüfen, ob er richtig liegt – letztendlich immer stimmt. Man spürt seine nach wie vor kindliche Begeisterung für die Themen, die er uns näherbringt. Und man spürt die Freude, die ihn erfüllt, wenn er uns zum Verstehen gebracht hat.

Es ist ihm weniger wichtig, uns Übungsbeispiele rechnen zu lassen, ein reiner Erzähler bleibt er aber dennoch nicht. Auch unsere Verstandesätigkeit wird geschärft, indem er uns mit Fragen immer wieder in seine Diskurse einbindet.

Wenn irgendwo in einer hinteren Reihe zwei von uns zum Quatschen anfangen und der Lärmpegel im Raum steigt (was in diesen Physik-Stunden kaum vorkommt und wenn, dann weil man ĂĽber ein physikalisches Problem diskutiert), wendet er seine persönliche Lärm-Stopp-Strategie an, die immer funktioniert. – Er hört einfach zu reden auf.

Die zwei Plaudertaschen realisieren plötzlich, dass ihr Dialog vom ganzen Raum verfolgt wird. Sie verstummen, peinlich berührt. Der wortlose, leicht vorwurfsvolle Blick von Professor R tut sein Übriges.
Sein Vortrag kann nun weitergehen …

Berühmt-berüchtigt sind auch seine Denkpausen. Nein, keine Pausen im Denken sondern Pausen um zu denken. Denn stellt man ihm eine besonders knifflige Frage, antwortet er nie, wie andere Lehrer, dass man dafür „weit ausholen“ müsse oder man dies „nicht so einfach beantworten“ könne. Nein, er geht in sich, den rechten Ellbogen in die linke Hand gestützt, den Zeigefinger der rechten Hand an den Lippen und starrt nachdenklich ins Leere. Das kann oft eine halbe Minute dauern oder länger. Währenddessen blicken wir gebannt auf diesen denkenden Mann. Keiner spricht ein Wort … Bis Professor R aus der Welt seiner Gedanken zurückkehrt und die Frage glasklar beantwortet.

 

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Warum unser Physikunterricht viel mehr als Physik war …

 
Doch noch viel faszinierender als die Art, wie Professor R das Klassenzimmer beherrschte, war die Weise, wie er Inhalte verknĂĽpfte.
Physik war nicht nur Physik. Physik war auch Mathematik und Astronomie.

„Ja, ist doch klar!“ – wird der Physiker sagen. „Mathematik ist unsere Hilfswissenschaft und die Astrophysik einer der großen Teilbereiche unserer Wissenschaft.“ Aber Professor R kam von Einsteins Relativitätstheorie nicht nur zu dessen mathematischen Methoden und zur Auswirkung seiner Entdeckungen in den Weiten des Universums. Nein. Er kam von Einsteins Relativitätstheorie auch zur literarischen Science-Fiction. Erklärte uns, wie Zeitreisen aussehen könnten und wie sie in der Science-Fiction-Literatur von Stanislaw Lem oder H.G. Wells dargestellt sind.

Doch er stoppte nicht bei literarischer Science-Fiction. Er war in der gesamten Literatur zuhause. Ich weiß noch, dass er einmal besonders von Dostojewskis „Der Idiot“ schwärmte, weshalb ich dieses Buch ein halbes Jahr später beim Grundwehrdienst las (und nicht verstand).

Es war aber nicht nur Literatur. Er hatte ebenso Anekdoten aus der Musikgeschichte parat, sprach von Filmen, die irgendwie in irgendeinem Bezug zu den physikalischen Problemen standen, die wir behandelten, oder lieĂź geschichtliche Kontexte miteinflieĂźen, die schlieĂźlich philosophische Fragen hervorriefen. Und vom Ausflug in die Philosophie, wo er den ein oder anderen wichtigen Gedankengang eines groĂźen Denkers vorstellte, landeten wir plötzlich wieder am Ausgangspunkt – der Physik.

Jede seiner Stunden war eine Reise durch die Welten des Wissens und des Verstehens. Sein Horizont hörte nicht auf bei Physik oder Mathematik. Er folgte seinen Gedanken durch alle Wissensgebiete und hatte – zumindest schien es so – einen überdimensional großen Informationsspeicher in seinem Kopf versteckt, den er anzapfen konnte, wie er wollte, um uns zum Staunen zu bringen.

Er war für mich der Lehrer der Zusammenhänge. Kein Physik-Lehrer sondern ein Universal-Lehrer. DER Universal-Lehrer.

Das ist der Grund, weshalb ich in Professor R einen der letzten Universalgelehrten sehe. Das ist der Grund, weshalb ich ihm so gerne zuhörte und es so unendlich schade finde, dass dieses eine Jahr Physik so schnell vorbei war.

Professor R war ein Generalist. Kein Fachtrottel. Es scheint mir, als wĂĽrde heute jede Wissenschaft nicht nur dazu neigen, ein Spezialistentum heranzuzĂĽchten, sondern es darĂĽber hinaus auch noch in ihren Elfenbeinturm einsperren zu wollen. Jeder solche Spezialist, der sich dann doch einmal traut, diesem Elfenbeinturm zu entfliehen, um seine Erkenntnisse auch dem „gemeinen Volk“ verständlich zu machen, setzt damit seinen Ruf in der Fachwelt aufs Spiel. Das sieht man allein schon daran, dass der Begriff „Populärwissenschaftler“ negativ besetzt ist. Wie unsinnig ist das eigentlich? Ich möchte mich in meinen Spezialgebieten zum Spezialisten entwickeln, gleichzeitig aber auch Generalist bleiben. Sollte das nicht der Königsweg sein?

Als ich vor Jahren in meinem Kinderzimmer stundenlang nach dem Physikheft aus der achten Klasse suchte und es nicht fand, war ich ziemlich traurig. Auch für diese Hommage wäre es sehr hilfreich gewesen …
 

Universalgelehrter und Gedankennomade …

 
Warum schreibe ich das alles?
Einerseits aus den oben erwähnten Gründen. (Ja, ich weiß, raufscrollen nervt. Aber Wiederholungen nerven noch mehr!)

Andererseits aber auch weil Professor R in gewissem Sinne ein Vorbild für mich ist. Ich würde gerne einmal – so wie er – in der Lage sein, verschiedenste Wissensgebiete spielend zu verknüpfen. In der Lage sein, so viel verschiedene Information auf einmal zu speichern und abzurufen, sobald ich sie brauche. In der Lage sein, alle Menschen in einem Raum durch meine Worte zum Schweigen zu bringen, weil sie klare Antworten auf die gestellten Fragen bieten.

Professor R, der Universalgelehrte, ist das Vorbild fĂĽr mich, den Gedankennomaden.

Vielleicht entwickle ich mich irgendwann einmal – einem Pokemon gleich – zu so einem Universalgelehrten, sobald ich ein gewisses Level erreicht habe.

Vielleicht auch nicht.

Ich weiß nicht, ob ihm der Begriff Universalgelehrter oder gar Universalgenie gefällt. Ich habe ihn nie danach gefragt, ich weiß auch nicht, wie er sich all das aneignete.

Überhaupt hätte ich ihm gerne öfter einmal eine Frage gestellt in den letzten Jahren. Ich gehe nun zwar schon seit der Schule mehr oder weniger den Weg des Autodidakten und diesen sehr gerne, einen guten Lehrer oder Mentor habe ich mir aber dennoch oft gewünscht.

Ein Jahr nach meiner Matura habe ich Herrn Professor R ein Mail geschrieben und ihm meine Planlosigkeit in Sachen Studiumswahl mitgeteilt.

Seine Antwort kam prompt und war, wie ich sie mir erwartet hatte;
Kunstvoll-formuliert, aufschlussreich, teilnahmsvoll und motivierend.

Seitdem (2007) habe ich nie wieder etwas von ihm gehört …

 

Hattest auch du einen Lieblingslehrer? Oder war er sogar mehr als das? Was zeichnete ihn aus? Was hättest du dir von deinen Lehrern besonders gewünscht? Was hältst du vom heutigen Spezialistentum? Können wir nur so in der Wissenschaft voranschreiten? Oder könnte Wissenschaft noch viel mehr bewegen, würde sie von ihrem hohen Ross herabsteigen?
Hinterlasse ein Kommentar zum Thema. Ich würde gerne deine Meinung dazu hören.

 

Der perfekte Lehrer
Foto: Wil Stewart

Blogartikel veröffentlicht am 29.1.2017

 

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