Die Philosophie-Prüfung

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Aus den Erfahrungen eines Studenten …

 
Länger hab ich geschwiegen, weil ich mich in Bücher vergraben musste, mich von Büchern begraben ließ.

Der neugierige Mensch hat Interessen und meist hat er viele. Und einige davon verfolgt er an der Oberfläche.

Das geht ganz einfach so im nebenbei.

Man erfährt immer wieder Neues, kann langsam mehr miteinander verknüpfen und wird am Ende stets ein bisschen gescheiter …

Aber eben nur ein bisschen.

Denn um wirklich gescheiter zu werden, muss man in die Tiefe gehen.

Und in die Tiefe gehen tut man nur dann, wenn man muss.

Ich muss immer dann, wenn eine Prüfung naht;

So wird der Gegenstand, der anfangs schön glänzt und mich anspricht plötzlich glanzlos, weil unter der ersten Schicht sich zeigt, dass die zweite um einiges anspruchsvoller zu durchbrechen ist.

Legt man ihn dann weg, wenn man nur zur Muße in ihn eintaucht, muss man mitten durch das komplizierte Gedankengeflecht, will man ihn für eine Prüfung vorbereiten.

Also tat ich das auch für mehrere Wochen, um in meinem Philosophie-Master wieder ein Stück voranzukommen …
 

Metaphysik …

 
Um Platon sollte es gehen („Phaidon“ und „Politeia“), um Kant („Kritik der reinen Vernunft“) sowie um Strawson („Individuals“).

Das Verbindende zwischen diesen drei großen Denkern aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert (Platon) sowie dem 18. (Kant) und dem 20. Jahrhundert nach Christus (Strawson)?

– Die Metaphysik.

Die Lehre vom „Sein des Seins“. Die Lehre, die die Wirklichkeit als Ganzes begreifen möchte.

Als Ganzes?

– Das heißt in vollem Umfange und nicht nur einen Teilbereich der Wirklichkeit, wie das die Physik tut (Körper), die Biologie (Organismen) oder die Chemie (Stoffe). Sie möchte die Prinzipien freilegen, nach denen unsere Welt funktioniert. Sie fragt, was Sein eigentlich ist, warum etwas ist und nicht viel mehr nichts. Wie wir Erkenntnis von diesem Sein bekommen können und in welchem Umfang. Ob es so etwas wie eine Seele gibt, ob wir als Menschen frei sind oder nicht und ob jemand existiert, der uns in dieses ganze undurchschaubare Schlamassel hier gebracht hat, ob es also einen Gott gibt.

Sowohl Platon als auch Kant und Strawson zerbrachen sich den Kopf über die Wirklichkeit. Sie zerbrachen sich ihn jedoch auf sehr unterschiedliche Weisen. Einig ist man sich darin: sie alle trieben Metaphysik.

Wie sie das taten und in welchen Texten, darum ging es bei meiner Prüfung.

Ich könnte jetzt lange davon reden, wie sie das genau anstellten. Aber das habe ich ja bereits in Präsenz des Professors getan. Darüber hinaus kann man es auch im Internet nachlesen.

Spannender finde ich ein paar andere Details bezüglich der Prüfung selbst und der Vorbereitung darauf …
 

Die Philosophie-Prüfung:

 

1. Vertiefung:

 
Damit nehme ich die Einleitung wieder auf …

Wenn man sich schön an der Oberfläche anschaut, was Strawson so fabriziert hat, dann sieht das ganz interessant aus. Wagt man sich aber weiter hinein, liest die Originale und die Forschungsliteratur dazu, ist man jedoch sofort abgeschreckt. Bis man die ersten Wände durchbricht und die ersten Hürden überspringt und in den Stoff reinkommt. Dann macht es wieder Spaß und wird sogar NOCH interessanter. (Etwas variiert ist diese Thematik bereits aufgetreten im Artikel „Engstirnige Fachtrottel und nichtssagende Generalisten“.)
 

2. Klassiker „verstehen“:

 
Was war die Prüfungsvorgabe?

Ein 45-Minuten-Gespräch mit dem Herrn Professor über „einschlägige Werke der Metaphysik“.

Die Werke durfte ich selber wählen, darüber hinaus war nichts weiter vorgegeben.

Dann sitzt man da – zum Beispiel mit dem 1000 Seiten Reclam „Büchlein“ der „Kritik der reinen Vernunft“ – und versteht nur Bahnhof, wenn Kant zu seinen formulierenden Höhenflügen ohne Punkt und Komma ansetzt.

Hier hilft nur Sekundärliteratur.

Die besteht zum Teil aus Werken, deren Autoren Kant noch komplizierter machen, als er eigentlich ist. Aus Unfähigkeit. Oder aus Arroganz.

Gott sei Dank gibt es auch solche, die einen wirklich weiterbringen und hilfreich in die Materie einführen.

Die Frage, die sich mir am Ende aber immer stellt, wenn es heißt, man müsse die Klassiker wieder lesen und zwar unmittelbar und keine vorgekauten Interpretationen von solchen, die sie durchdacht und aufbereitet hätten, ist folgende:

Wie viele tun das? Und – noch viel interessanter: Wie kann der Prof wirklich wissen, dass man sich den Klassiker selbst angeeignet hat?

Meine Antworten: „Fast keiner.“ und „Gar nicht.“

Ich versuche natürlich, die Originale zu lesen. Schon einfach deswegen, weil es mich interessiert, wie die größten Denker der Geschichte rein stilistisch ganz unterschiedlich schrieben. Und weil ich darüber hinaus den Sinn an der Vorgabe schon verstehe – Man solle sich ganz und gar den Gedanken der Autoren hingeben und selber über sie denken.

Dennoch: Die „Kritik der reinen Vernunft“ habe ich NICHT von vorn bis hinten gelesen. Ja nicht einmal die Schwerpunkt-Kapitel. Und was war das Resultat? – Gerade von meinem Kant-Verständnis war der Professor begeistert.

Natürlich muss man sich Fragen zum Werk stellen. Es in seinen Grundzügen verstehen, der Argumentation folgen, die Stärke der Beweise nachvollziehen, über das Neue in dieser oder jener Theorie reden können.

Aber dafür reicht es doch, etwas tieferschürfende Interpretationen zu lesen.

Ich sage ganz und gar nicht, dass die Aneignung leicht ist. Auch den bereits interpretierten Kant zu verstehen ist kein Kinderspiel und braucht vor allem Zeit. Aber ich wage zu behaupten, dass ein Professor normalerweise NICHT merkt, ob man nun „nahe am Text“ blieb beim Lernen oder kein einziges Mal in den Originaltext gesehen hat.

(Auch diese erwähnten tieferschürfenden Interpretationen verweisen natürlich auf das Original. Dessem wichtigsten Stellen sind dort oft abgedruckt, weshalb auch so eine gewisse „Kenntnis“ des Primärtextes erfolgt. Dennoch ist das ganz was anderes, als ihn richtig zu lesen.)
 

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3. Verstehen und Erklären:

 
Man findet also Interesse an einem Thema (= Freude). Man liest sich ein (= Freude) und stößt auf Widerstand (= Frustration). Man schürft kräfteraubend weiter und versteht plötzlich neue Zusammenhänge (= Freude).

Schließlich versucht man sich alles einzuprägen und zwar so, dass man auch darüber reden kann.

Genau das ist ein weiterer Punkt, der mich immer wieder frustriert:

Wieviel man passiv nachvollziehen und verstehen und wie wenig man davon jemand anderem erklären kann. Der Übergang wird manchmal zu einer unüberwindlichen Schranke.

Erfahrungsbericht von der letzten Prüfung: Ich sitze eine Woche lang in meinem Zimmer und pauke Strawsons „Individuals“. An einem Sonntagabend trage ich das Erarbeitete schließlich zur Übung meinen Eltern vor. Ich bleibe bereits nach den ersten einführenden Worten hängen. Mir gehen für fast jeden Schluss, der im Buch gezogen wird (und den ich eigentlich verstehe), wichtige Prämissen ab. Ich habe an vielen Stellen keine Ahnung mehr, wie Strawson von einer Ausführung zur nächsten übergeht, wie und wo er also die vermittelnden Elemente setzt. Schließlich schmeiße ich aus lauter Frust die Nerven weg und werfe obendrein (aus Schwäche meine Unfähigkeit zu akzeptieren) meinen Zuhörern vor, dass sie zu blöd wären, meine Worte zu verstehen …
 

4. Die letzten Tage:

 
An den letzten Tagen vor der Prüfung – das kennen wir alle – steigt die Produktivität. Das Ende naht und alles, was man bisher weggeschoben hatte, drängt sich nun auf.

Bei mir sind das immer jene Teile, die ich auswendig lernen muss (zum Beispiel Kants Kategorientafel bei dieser Prüfung).

Indem ich das kurz vorm Tag X mache, kann ich mir auch sicher sein, dass es im Kopf bleibt.

„Auf Verständnis“ gelernt habe ich bereits die Wochen davor.
 

5. Und „auf wieviel Verständnis?

 
Das ist die Frage …

Die Frage, die mich auch nie sicher sein lässt, ob ich nun ein einschlägiges philosophisches Werk „verstanden“ habe und wiedergeben kann oder nicht. Denn: Hat man Kants „Kritik der reinen Vernunft“ verstanden, wenn man in zehn Sätzen erklären kann, worum es im Groben geht? Oder erst, wenn man darüber hinaus auch den genauen Aufbau angeben kann? Oder erst dann, wenn man weiß, welche Argumente er verwendet? Oder erst dann, wenn man die Stärke der jeweiligen Argumente genau explzieren kann? Oder erst dann, wenn man – zusätzlich zu all den Infos bisher – auch ganz genau weiß, was in der „Kritik der reinen Vernunft“ grundlegend Neues hinzu kam beziehungsweise auch, wie an ihr weitergedacht wurde? Oder erst dann …

Wir wissen also: Man KANN immer weiter ins Detail gehen.

Wir wissen nicht: Wie sehr der Professor letztendlich ins Detail gehen WIRD.
 

6. Die Prüfung:

 
Ich verwendete zwei Wochen intensive Vorbereitung für Strawson. Ebenso zwei für Kant. Und nur zwei Tage für Platon, weil mehr nicht mehr übrig war (und weil ich dachte, Platon wäre am einfachsten).

Die Prüfung beginnt:

Mit Platon. Und zwar mit dem Text, den ich mir weniger genau angesehen hatte – dem „Phaidon“. Mein Plan war, bei Platon „einfach“ auf die „Politeia“ zu lenken, den zweiten Text, der mir mehr lag. Doch der Plan ging nicht auf. So wurde bereits in den ersten Minuten deutlich, dass Lücken vorhanden waren. Und so blieben wir dann auch gute 20 Minuten bei Platon. Es war nicht schlecht. Aber gut war es auch nicht. Und auf eine präzise Frage des Professors, nämlich inwiefern mit der Ideenlehre eine Veränderung gegenüber der Naturerklärung des Anaxagoras eintrat, konnte ich gar nicht antworten.

Weiter ging’s mit Kant. Und der lief dann wie geschmiert. Was den Prof – nach dem durchschnittlichen Platon – sichtlich überraschte. Zu meiner Erleichterung musste ich nicht näher auf die „Transzendentale Deduktion“ eingehen. Das dunkelste Kapitel der „Kritik der reinen Vernunft“. Sehr dunkel. Ganz dunkel … Mein größter Wunsch vor der Prüfung – dieses Stück Gedankenhochakrobatik umgehen zu können – ging in Erfüllung.

Und schließlich blieben dann noch fünf Minuten für Strawson;
Fünf Minuten … Für mehr, als in Kürze zu schildern, was das besondere an seinem Ansatz einer Deskriptiven Metaphysik sei, blieb nicht Zeit. Zwei Wochen hatte ich mich auf Strawson vorbereitet. Im Endeffekt hätte es gereicht, einen einzigen kurzen einleitenden Artikel zur Essenz seines Buches zu lesen und wiedergeben zu lernen …
 

7. Die Benotung:

 
Viel zu gutmütig wurde ich benotet.

Ja, ich wäre sogar zufriedener gewesen, wenn die Note ein Grad schlechter ausgefallen wäre.

Warum? – Weil Noten – wenn es sie schon gibt – die Leistung widerspiegeln sollten. Was bringt freundliches Benoten der Studienleistungen von Erwachsenen?
 

Fazit:

 
1) Tiefgang braucht Wille und Ausdauer, aber wird am Ende belohnt.

2) Das Original zu lesen ist wichtig, durch eine Prüfung kommt man aber auch ohne.

3) Wenn man etwas versteht, heißt das noch lange nicht, dass man es erklären kann.

4) Kommt Stress, kommt Produktivität.

5) Man kann immer NOCH tiefer ins Detail gehen.

6) Ein Prüfer ist wie eine Schachtel Pralinen – man weiß nie, was man bekommt.

7) Lieber eine passende schlechtere, als eine unpassende bessere Note.
 
 
 
Würdest du zu einem der drei genannten Denker beziehungsweise zu ihren Werken gern mehr wissen? Wie bereitest du dich genau auf sie vor? Was ist deine schlimmste Prüfungserinnerung? Und welche die schönste?

Bitte hinterlasse deine Assoziationen, deine Anmerkungen oder deine Kritik in den Kommentaren.

Ich würde mich sehr darüber freuen!
 
Die Philosophie-Prüfung

Foto: Ben White

Blogartikel veröffentlicht am 9.8.2017.

5 Kommentare Schreib einen Kommentar

  1. „3) Wenn man etwas versteht, heißt das noch lange nicht, dass man es erklären kann.“

    Dazu hast du leider nichts gesagt. Gibst du mir noch einen Tipp dazu?

  2. Was ich schade am Philosophiestudium fand und finde ist, dass es meist nur Philosophiegeschichte ist. Nicht immer, aber meist. Das wird auch bei deinem Artikel deutlich. Liebe Grüße von Philosoph zu Philosoph 🙂

    • von Gedankennomade

      Danke für die Grüße. Aber wie meinst du das genau?

      Ich finde schon, dass auch systematisch gelehrt wird. Also dass man Problemfelder behandelt in erster Linie und dann erst nachsieht, wo in der Geschichte die schon wie vorkamen. Beziehungsweise man sich in erster Linie auf das Problem selbst konzentriert und erst dann (wenn überhaupt) fragt, inwiefern sich Philosophen dazu Gedanken gemacht haben und welche …

      War das bei dir nicht so?

      Hast du dein Studium eigentlich abgeschlossen? Wenn ja, worauf hast du dich spezialisiert beziehungsweise worüber hast du deine Masterarbeit geschrieben?

  3. Kant hätte wirklich einen Lektor gebraucht.
    Kurioserweise fand ich, obwohl ich deutscher Muttersprachler bin, Kant in englischer Übersetzung teilweise lesbarer und verständlicher.

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