Gastbeitrag Rafael Haslauer: „Fuck you Ego“

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In diesen Wochen der Prüfungsvorbereitung greift mir einer der sympathischsten und von mir höchst geschätzten Menschen überhaupt unter die Arme, um euch Content zu liefern;

Rafael Haslauer kenne ich seit meiner Kindheit.

Heute lebt er vom Schreiben als Regionaljournalist und Autor. DarĂĽber hinaus bloggt er auch gerne.

Sein grandios geschriebenes, autobiografisches Buch „23312: Alles im Leben hat zwei Seiten“ empfehle ich jedem, der wissen will, was es heiĂźt, tief zu fallen, drei Jahre am Boden zu verbringen ohne die Nerven wegzuschmeiĂźen und danach wieder hochzuklettern um neu durchzustarten.

Vielen Dank lieber Rafael für deinen Beitrag …
 
 

„Fuck you Ego“

 
Eines gleich vorweg: es handelt sich hier um meine rein subjektive Wahrnehmung, also los:
Zunächst einmal: herzlichen Dank für die Möglichkeit, einen Gastbeitrag auf deinem Blog zu hinterlassen, Philipp. Hoffen wir mal, dass was Gescheites dabei herauskommt!
 

Ein Versuch:

 
Man setze sich an einen beliebigen Platz, versuche das alltägliche Wirr War, das den eigenen Kopf jede Sekunde bis zur Besinnungslosigkeit fickt für einige Augenblicke beiseite zu schieben, und lasse dann die Magie des Augenblicks in seine Finger fließen, ehe man sich voller Vertrauen auf das Abenteuer einlässt, einen faszinierenden Text zu verfassen, von dem man denkt, die ganze Welt müsse davon erfahren. Als Autor ist man da manchmal ein bisserl eitel.
 

Das Problem:

 
Irgendwann, wenn man schleichend bemerkt, dass einen der vergebliche Versuch, seine Leser zu verzĂĽcken, in den emotionalen Abgrund stĂĽrzt, weil man irgendwann damit begonnen hat, nur noch fĂĽr alle anderen zu schreiben, wird man sich langsam darĂĽber bewusst, dass genau das die wahre Motivation eines Autors ist: die hoffentlich fĂĽr ihn befriedigende Reaktion seiner Leserschaft. Und die ist in der Regel teuer.
 

Die Sache mit dem Ego …

 

Ein Kampf:

 
Es ist ein ständiger Kampf. Ein Kampf gegen das eigene Ego, den man in der Regel verliert, obwohl man es als Schreibender eigentlich besser wissen müsste. Da kannst du meditieren bis du schwarz wirst – es bleibt ein Ding der Unmöglichkeit, sich vollkommen vom Ego zu befreien. Und so schlecht ist das eigentlich gar nicht, zumindest in wenigen Ausnahmen. Wichtig dabei ist nur, sich des Einflusses bewusst zu werden, den das Ego auf jeden einzelnen von uns ausübt.
 

Der Egoismus:

 
Um diese Gradwanderung erfolgreich zu meistern, ist ein Punkt von ganz besonderer Bedeutung: es ist unbedingt notwendig zu wissen, dass man in letzter Konsequenz alles nur für sich selbst tut. Alles! Steckt man einem Bettler einen Zehn-Euroschein zu, dann belohnt man sich bzw. das Ego mit dem guten Gefühl, das einen dieser Akt der Nächstenliebe beschert. Das zu erkennen macht alles um ein Vielfaches leichter. Denn sich ständig schlecht zu fühlen, nur weil man es nicht immer schafft, dem Ego die kalte Schulter zu zeigen, kann ja auch nicht das Ziel der Reise sein.
 

Zurück zum Schreiben …

 

Die Entschlossenheit:

 
Problematisch wird es – vor allem für den Schreibenden (letzten Endes aber auch für alle anderen) – erst dann, wenn man den Weg nicht mehr zurück zu seiner Basis findet. Als Autor wird es dann insofern unangenehm, als man nichts zu Papier zu bringen vermag, das nicht in irgendeiner Weise von seinen Lesern beeinflusst wurde. Und das ist der absolute Tiefpunkt, der vorrübergehende Tod, wenn man so will, dessen Ende man oft Wochen- oder Monatelang vor sich her schiebt, ohne zu wissen, hinter welcher Ecke die Erlösung wartet. Und das ist zermürbend. In solchen Momenten ist es absolut sinnlos, das Vorhaben, einen für sich befriedigenden Text zu verfassen, auf die lange Bahn zu schieben. Nur der Kampf ist zielführend. Der Kampf gegen die eigene Blockade, gegen sich selbst, gegen das Ego.
 

Schreiben ist Leben …

 

Die Akzeptanz:

 
Je weniger man allerdings diesen Vorgang als Kampf empfindet, desto harmonischer geht er vonstatten. Das Leben ist ein ständiges Auf und Ab, in dem eben auch das Ego eine Rolle spielt und vielleicht sogar seine Berechtigung hat. Wer weiß das schon so genau? Die Kunst ist es, sich dem Fluss des Lebens anzupassen, sich treiben zu lassen und Gelegenheit im Vorbeigehen zu ergreifen. Niederschläge müssen akzeptiert und durchlebt werden, dann, und nur dann, entwickelt man sich weiter und lernt neue Facette an sich selbst kennen, ehe man sich, wie Phönix aus der Asche, erhebt und sich auf die Suche nach einem anderen Weg begibt. Alles im Wissen, dass es nicht der letzte Niederschlag gewesen ist, der einen auf brutale Art und Weise niederstreckt.
 

Die Option:

 
So ist das Leben und so ist das Schreiben – ein Fluss, der manchmal stockt, nie aber versiegt. Es ist einfach, sich entmutigen zu lassen, aufzugeben und später zu sagen: „Es sollte einfach nicht sein, das Leben hatte andere Pläne.“ Denn: es gibt immer einen Weg. Er mag vielleicht nicht immer der kürzeste oder unbeschwerlichste sein – hat man aber erst einmal den Entschluss gefasst, ihn tatsächlich zu gehen, dann ist er – und mag es auch zwischenzeitlich nicht immer danach aussehen –auch zu bewältigen. Genauso wie dieser Text, der mich – weil mein Ego in der Regel von mir verlangt, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen – vor größere Probleme gestellt hat, als ursprünglich angenommen. Aber: aufgeben ist keine Option, die Herausforderung annehmen, die einzig wahre.
 

Was sagt uns das?

 

Das Fazit:

 
Jeder, egal ob Autor, Automechaniker oder Banker: jeder hat es selbst in der Hand, sich nicht von seinem Ego überwältigen zu lassen und jenes Leben zu führen, das man anstrebt. Das Leben mag manchmal turbulent sein und manchmal streckt es einen auch zu Boden – wieder aufzustehen und sich den Staub von den Schultern klopfen hat aber jeder einzelne selbst in der Hand. Davon bin ich überzeugt, denn alles andere wäre eine Ausrede, ein Versuch, immer nur den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Dem Ego einmal so richtig die Fresse zu polieren erfordert da schon deutlich mehr Hingabe. Und weil du lieber Philipp, wie du selber sagst, ein Problem mit Gedichten hast, darf ich den Beitrag bitte mit einem abschließen.
 

Das Gedicht:

 
Genauso wie die Welt sich dreht
wie die Natur nimmt ihren Lauf
Wird vom Wind hinfort geweht
das Gute wie das Böse auch

Nichts steht still und bleibt bestehen
auf die Ebbe folgt die Flut
Das Leben strotzt vor Ăśbermut
und lässt sich treiben, lässt sich gehen

Darum verweile nicht, halt dich nicht fest
an der Zukunft, die dich hoffen lässt
Auch die Vergangenheit lass hinter dir
bleib fest im Jetzt, bleib fest im Hier

Denn den Augenblick erleben
heiĂźt das Sterben eines andern
Alles kommt und geht verlegen
wie Wolken ĂĽbern Himmel wandern
 
 
 
Fuck you Ego

Foto: Joshua Sortino

Blogartikel veröffentlicht am 12.7.2017

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