Haruki Murakamis „1Q84“

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Spannung in einer nahen Ferne …

 
Tausendmal streifte mein Blick über die Jahre in verschiedensten Buchhandlungen das Cover von Murakamis „1Q84“. Tausendmal entführte ich am Ende andere Schätze von diesen.

Bis mir eine gute Freundin mit Blick für das Schöne den Titel ans Herz legte, als wir über Lieblingsbücher sprachen.

Ein Hoch auf ihren Geschmack, er ist ein guter.

Der Roman strahlte bereits vor ihrem Rat etwas Anziehendes auf mich aus.

Wahrscheinlich war es die Kombination aus ungewöhnlichem Titel – die Aneinanderreihung einer Ziffer, eines Buchstabens und zwei weiterer Ziffern – und exotischem Autor, hatte ich bis dahin noch nie etwas von einem Japaner gelesen.
 

Die Story

 
Der Roman besteht aus drei Büchern.

In Buch 1 und Buch 2 wird abwechselnd in einem Kapitel von Aomame, im anderen von Tengo berichtet. Im letzten und dritten Buch kommt ein dritter Erzählstrang, jener über den Schnüffler Ushikawa, hinzu.

Aomame ist dreißig, sportlich, introvertiert und Profiauftragskillerin. Sie löscht ohne jegliche Spuren zu hinterlassen Leben von Männern aus, die ungeschoren aus Delikten häuslicher Gewalt und Kindesmissbrauch davonkommen.

Tengo ist ebenfalls dreißig Jahre alt, gibt Mathematikkurse auf der Universität und ist angehender Schriftsteller. Gemeinsam mit seinem Verleger macht er sich daran, ein geheimnisvolles Roman-Manuskript so zu bearbeiten, um damit einen Literaturpreis zu gewinnen und auf die Bestseller-Listen zu kommen.
 

Spannung pur …

 
Ich bin kein großer Krimi-Fan. Oder sagen wir so: Ich lese kaum klassische Krimis, weil ich bei der Lektüre mehr suche, als den bloßen „Thrill“. (Ja, ich weiß, Krimi-Apologeten werden nun sagen: „Aber richtig gute Krimis sind doch viel mehr als das!“ und so weiter und so fort … Mag sein! Ich hab‘ dieses Genre jedenfalls bisher immer gemieden.)

In diesem Buch ist es aber sicherlich in erster Linie dieser Thrill, der den Drive ausmacht, und dich auf die Reise mitnimmt. (So, jetzt aber wieder Schluss mit den Anglizismen!)

Der Aufbau des Buches ist, wie erklärt, sehr simpel. In einem Kapitel steht Aomame im Mittelpunkt, im nächsten Tengo, dann wieder Aomame. Beide Erzählstränge haben anfangs scheinbar nichts mitsammen zu tun. Sie entfalten sich nach und nach, enthalten merkwürdige Details und nehmen den Leser auch für sich allein stehend sofort mit in Murakamis Universum.

So simpel der grobe Aufbau, so genial durchkomponiert die Verflechtung der Geschichten von Aomame und Tengo, die im Laufe des Romans Stück für Stück klarer wird.

Die Spannung in Murakamis „1Q84“ entsteht aus dem Verlangen, die Rätsel, die sowohl in Tengos, als auch in Aomames Geschichte vorkommen, lösen zu wollen und mehr über ihr gemeinsames Schicksal zu erfahren.

Es ist nicht so, als würde sich ein schreckliches oder blutiges Ereignis an das andere reihen, um durch Effekthascherei Wirkung zu erzielen. In vielen Kapiteln passiert gar nicht viel Aufregendes und dennoch taucht hier wieder ein kleines Detail auf, dass die Lesenden schlauer macht, wird dort wieder ein Hinweis gegeben, der Fragen klärt oder wieder neue aufwirft.

Murakami beherrscht diese Technik meisterhaft. Die Spannung reißt nie ab und brachte mich dazu, die über 1000 Seiten in Rekordzeit zu lesen.

Doch da war noch mehr …
 

Zwischen Realität und Fiktion …

 
„1Q84“ … Was für ein merkwürdiger Titel. Wofür steht er?

Aomame hat das Gefühl, dass sich die Welt verändert hat, dass die Welt aus den Fugen geraten ist, dass gewisse Dinge nicht mehr stimmen, beziehungsweise nicht mehr so sind, wie sie einmal waren.

Sie stellt Nachforschungen an, die anfangs aber ins Nichts führen.

Eines Abends sieht sie am Himmel nicht einen sondern zwei Monde.

Die beiden Monde bleiben dort auch an den nächsten Tagen und in den nächsten Monaten.

Für Aomame ist klar: Sie ist in eine Parallelwelt geraten. Sie ist nicht mehr im Jahre 1984, denn auch wenn das meiste noch so ist, wie es immer war, haben sich gewisse Tore in eine andere Wirklichkeit geöffnet, durch die neue Kräfte eingetreten sind, die es in 1984 nicht gab. Wie sie hier her kam und wie sie wieder nachhause kommt, weiß sie nicht. Sie nennt ihre neue Welt „1Q84“.
 

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„Magischer Realismus“

 
Es ist schwer, Murakamis Stil einen Namen zu geben.

Am ehesten kann man ihn wohl noch in der Tradition des „Magischen Realismus“ sehen, der in der Literatur vor allem im Lateinamerika des 20. Jahrhunderts sehr prägend war. Autoren wie Borges oder Márquez („Hundert Jahre Einsamkeit“) vermischten die Grenzen zwischen Phantasie und Realität, zwischen Traum und Wirklichkeit und spielten mit dieser Dualität.

Ja, auch Murakami ist in gewisser Weise ein „magischer Realist“.

Doch muss man immer alles und jeden in eine Schublade stecken?

Murakami ist Murakami und seine Bücher haben sich womöglich auch deshalb millionenfach auf der ganzen Welt verkauft, weil ER etwas anders macht als die anderen, weil er Welten erschafft, in die wir ihm verträumt-gespannt folgen.
 

Was ist dieses „1Q84“ nun genau?

 
„Wo bin ich hier nun wirklich?“, fragte ich mich mehrmals während der Lektüre.

Einerseits ist uns der Großteil von Murakamis Universen vertraut, andererseits gibt es dann aber doch wieder Vorkommnisse, die unerklärlich sind.

Die beiden Monde habe ich bereits genannt. Doch es kommen auch noch die „Little People“ ins Spiel, die bis zum Ende des Romans nicht vollständig enträtselt werden.

Murakami schreibt also weder völlig realistisch noch völlig phantastisch. Man hält weder einen Roman in der Hand, in der sich die Realität so verhält, wie wir sie gewöhnt sind, noch einen Roman, in dem – wie in so mancher Science Fiction – einfach alles möglich ist.

Murakami bewegt sich dazwischen. Ich würde sogar sagen eher im Bereich des Realen, jedoch ständig an der Grenze zum Phantastischen und mit kleinen Ausreißern in dieses anziehende Reich.
 

Fazit:

 
Die Kombination aus Spannung und dem magischen Element gefiel mir wirklich sehr gut.

Auch die Stimmung, die Murakami mit seinen Worten aufbaut, ist einzigartig, man merkt richtig, wie man während der Lektüre in eine andere Welt abtaucht, die unserer ähnlich aber dann doch verschieden ist.

Beide Stories, sowohl die von Aomame als auch die von Tengo, fand ich spannend, beide Charaktere interessant. Vor allem Tengo, diesen hochbegabten jungen Mann, der sich voll in seine Arbeit vertieft und sich jegliche überflüssigen Verpflichtungen fernhält.

Der wohl geheimnisvollste Charakter des Buches, nimmt eine Nebenrolle ein. Fukaeri ist das Mädchen, welches das Manuskript eingereicht hat, das Tengo umschreiben soll. Ich denke, dass diese Figur am längsten in meinem Gedächtnis haften bleiben wird.

Lediglich vom Ende habe ich mir ein bisschen mehr erwartet. Ich möchte es hier nicht (ok, ein letzter Anglizismus) „spoilen“ – immerhin sollst du das Buch auch noch selber lesen – aber ich habe mir mehr Erklärungen erwartet, mehr Auflösungen der spannenden Fragen, die sich im Laufe der Lektüre stellten.

Meine Freundin, die mir den Roman empfahl, entgegnete mir Folgendes: „Murakami lässt immer ein paar Dinge in der Schwebe, so dass du dir selbst deine eigene Variante dazu denken kannst. Genau das ist es, was ich so an ihm mag.“

Ja, okay, da ist er ja nicht der Einzige. Aber ich dachte, dass dieser Murakami, der über tausend Seiten hinweg die beiden Protagonisten einander sehr durchdacht immer näherkommen lässt und nach und nach Puzzleteile aneinandersetzt, am Ende alle verbleibenden Rätsel auflöst, um sein Kunstwerk sauber und perfekt zu vollenden.

Überhaupt bin ich bei solch verzwickten Geschichten – die mir immer besonders gut gefallen – am Ende meist enttäuscht. Es scheint mir dann, als ob die Spannung, die über hunderte von Seiten erzeugt, zum Preis der inneren Schlüssigkeit erkauft wurde.

Nichts desto trotz gilt dies bei „1Q84“ nur zum Teil.

Die Lektüre hat bleibenden Eindruck hinterlassen und ich werde sicherlich in naher Zukunft ein weiteres Buch von Murakami lesen, diesem geheimnisvollen, sympathischen und scheuen Autor, den man nur selten vor das Mikrofon oder die Kamera bekommt.
 
 
 
Kennst du „1Q84“? Wie gefällt es dir? Was hältst du von ihm? Was sind für dich die „Little People“? Hast du andere Bücher von Murakami gelesen? Welches magst du am liebsten? Hinterlasse mir einen Kommentar mit deinen Erfahrungen. Ich würde mich sehr über ihn freuen.
 
 
 
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Vielen Dank,
bis bald,
Philipp

1Q84

Foto: Ganapathy Kumar

Blogartikel veröffentlicht am 10.10.2018
 
 
 
1Q84 (Buch 1, 2): Roman (*)
 

 
1Q84 (Buch 3): Roman (*)
 

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