John Irvings „Garp und wie er die Welt sah“

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Wenn Tragik und Komik sich paaren, nennt man das Leben …

 
Zum ersten Mal seit längerer Zeit habe ich wieder einen umfassenden Roman (680 Seiten) gelesen.

„Garp und wie er die Welt sah“ war unterhaltsam, abwechslungsreich, komisch, pervers, seltsam und tragisch. So viel schon einmal vorweg …

Es handelt sich um John Irvings vierten Roman, mit dem er 1978 den großen Durchbruch als Autor schaffte.

Sein allererstes Werk mit dem Titel „Lasst die Bären los!“ kannte ich bereits.

Ich las es 2011, konnte es aber nicht wirklich liebgewinnen. Halb komisch halb traurig, halb Roman halb historischer Bericht war es für mich weder Fisch noch Fleisch und nicht greifbar genug, um es mögen zu können. Witzig fand ich den Teil, in dem es darum ging, die Tiere aus dem Schönbrunner Tiergarten zu befreien. Ein Plus war natürlich auch der Hauptschauplatz Österreich, der mich, wie bereits in „3 meiner absoluten Lieblingsromane“ erwähnt, stets neugierig macht, wenn er literarisch verarbeitet wird.
 

Bären und Wien …

 
Bären und die Stadt Wien sind zwei Motive, die in Irvings Werken immer wiederkehren.

So auch in „Garp und wie er die Welt sah“.

Doch eins nach dem anderen;

T.S. Garp ist der Sohn von Jenny Fields, einer unabhängigen Frau aus reichem Hause, die sowohl vom Geld der Eltern als auch von Männern nichts wissen möchte und ihren eigenen Weg als fürsorgliche Krankenschwester geht. Ihren Sohn Garp zeugt sie auf skurrile Weise (mit einem verwundeten, kaum noch mitteilungsfähigen Soldaten, der im Krankenhaus seinem Tod entgegenvegitiert) und er soll ihr einziges Kind bleiben, um das sie sich von da an mit vollem Einsatz sorgt. Ihre Autobiografie macht sie schließlich über Nacht berühmt. Sie wird zu einer Ikone des Feminismus, Aktivistinnen aus aller Welt scharren sich von nun an um sie. Garp, der sich der erzählenden Dichtung verschreibt, profitiert und leidet zugleich am Erfolg seiner Mutter. Das Buch begleitet den Leser von Garps Vorgeschichte bis hin zu dessen tragischen Tod.
 

Tragisch und komisch …

 
John Irving steht für mich vor allem für die Kombination dieser beider Adjektive. Er schreibt – und ja, dieses Wort steht tatsächlich im Duden – „tragikomisch“. Ein komisches Wort, wenn man mich fragt. Und bis vor der Lektüre von „Garp“ hätte ich darüber hinaus gesagt: „Ein komischer Stil, wenn man mich fragt!“.

Ich war bisher immer ein Fan von sehr traurigen Büchern oder Filmen. Und ebenso von extrem lustigen Filmen oder Büchern. Sobald beides gemischt vorkam, war ich irritiert. Oft nicht nur irritiert, sondern sogar verärgert über den Tabubruch oder enttäuscht darüber, dass der Autor dem Grundton des Werkes nicht treu blieb, dass er versuchte, die beiden Extreme miteinander zu verbinden.

Ich denke, dies war es auch, weshalb ich damals mit „Lasst die Bären los!“ nichts anfangen konnte. Denn schon dort, in seinem ersten Roman, macht Irving das, was er am besten kann; Tragik und Komik verbinden.

In „Garp und wie er die Welt sah“ ist diese Kombination ganz einfach stimmig. Sie passt. Und deswegen las ich die 680 Seiten ohne irgendwo Längen zu entdecken und ohne dass ich irgendwo ins Stocken kam (abgesehen von den ersten paar Dutzend an Seiten, die mir immer schwerfallen, da ich Zeit brauche, um in eine Geschichte hinein zu finden, um mich in ihr wohl zu fühlen …).

Darüber hinaus war wohl auch eine meiner Lieblingspassagen des Buches dafür ausschlaggebend, meine ursprüngliche Meinung zum „Tragikomischen“ zu revidieren;

Garp antwortet darin auf einen empörten Leserbrief, in dem sich eine Dame über seinen zweiten Roman auslässt:

… Horace Walpole hat einmal gesagt, die Welt sei komisch für Menschen, die denken, und tragisch für Menschen, die fühlen. Ich hoffe, Sie werden mir darin zustimmen, dass Horace Walpole die Welt irgendwie vereinfacht, wenn er das sagt. Wir beide denken sicherlich nicht nur, sondern fühlen auch. Was das Komische und das Tragische betrifft, Mrs. Poole, so ist es in der Welt nicht klar getrennt. Aus diesem Grund habe ich nie verstanden, warum „ernst“ und „lustig“ als Gegensätze gelten. Für mich ist es einfach ein echter Widerspruch, dass die Probleme der Menschen oft lustig sind und dass die Menschen oft und trotz allem traurig sind …
(Irving 2017: 262/263)
Detail am Rande: Während sich Garp hier noch freundlich um eine Erklärung seiner Weltsicht bemüht, beendet er den Briefwechsel ein paar Schreiben später mit einem kargen aber deutlichen: „Lecken Sie mich am Arsch.“.
 

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Das „Garagen-Drama“

 
Die große Wende im Roman und die Szene, die sich mir am tiefsten eingebrannt hat, ist sehr tragisch. Aber auch hier streut Irving ein wenig Komik hinzu. Er kann anscheinend nicht anders. Oder er will nicht anders, weil er davon überzeugt ist, dass beides immer nur gepaart vorkommt.

Hier muss ich weiter ausholen;

Garps Ehe mit seiner Jugendliebe, der späteren Literatur-Professorin Helen, ist glücklich, dennoch ließ sich Garp ein paar Mal zu sexuellen Abenteuern mit Babysitterinnen hinreißen. Als er schließlich über diese rein sexuellen Spielereien hinweg ist, lässt sich ausgerechnet Helen selbst, die Garp verzieh und selbst nie anfällig für diese Art des Zeitvertreibs war, auf einen ihrer jungen Studenten ein. Garp kommt ihr eines Abends im Winter auf die Schliche, ist zu tiefst gekränkt, und erklärt ihr, er nehme nun ihre beiden jungen Söhne und wenn er wieder zuhause ist, möchte er, dass die Affäre der Vergangenheit angehöre.

Helen, enttäuscht über sich selbst, weil sie ihren Mann nie verletzen wollte, ruft ihren Liebhaber Michael Milton sofort an und erklärt im, was Sache ist; Sie will ihn nie wieder sehen. Der junge Milton aber verliert die Kontrolle, steigt in sein Auto, fährt zum Haus von Helen und Garp und parkt in deren Garage. Helen will nur eines: Ihn so schnell wie möglich los werden … So steigt sie zu ihm ins Auto auf den Beifahrersitz. Milton ist völlig aufgelöst, weint und will nicht akzeptieren, dass es vorbei ist. In einem Anfall von Verzweiflung beginnt sie ihn zu küssen, um ihn zu beruhigen. Schließlich öffnet sie seine Hose und bläst ihm einen, in der Hoffnung, er würde nach dem Koitus nachhause fahren. Doch alles kommt anders …

Der gekränkte Garp ist mit seinen Jungs im Kino. Der junge Walt leidet an einem grässlichen Husten, der dem überfürsorglichen Vater Garp keine Ruhe lässt. Noch vor Ende der Vorstellung brechen sie auf, Walt muss ins Bett.

Garp rast mit seinen zwei Kindern im Auto mit dem kaputten Schalthebel (der Knauf war abgebrochen und hinterließ ein spitzes, gefährliches Ende) nachhause. Wie ein Verrückter biegt er mit seinem altbekannten Manöver, das Helen so hasst, in die Einfahrt ein: Lichtmaschine und Motor aus und mit vollem Speed in die dunkle Einfahrt hinein, die er wie seine Westentasche kennt. Dass dort bereits ein anderes Gefährt mit Insassen steht, kann er weder wissen noch sehen …

Hier endet das Kapitel …

Am Anfang des folgenden erfahren wir die Bilanz des tragischen Vorfalls:

Michael Milton verliert durch den Zusammenprall zwei Drittel seines Penis. – Sie enden zwischen Helens Zähnen.

Garps älterer Sohn Duncan wird nach vorne auf den Schalthebel geschleudert, der ihm sein rechtes Auge aussticht.

Und erst später, als wir uns fragen, was mit dem kleinen Walt passiert ist, erfahren wir das Schrecklichste: Er hat den Unfall nicht überlebt …
 

„Garp und wie er die Welt sah“ – ein brillant geschriebenes Buch …

 
Wie gesagt, diese Szene brennt sich ein.

Sie ist schockierend.

Darüber hinaus perfekt zum Höhepunkt hin aufgebaut.

Sie ist komisch (der Liebhaber, der schließlich den Penis verliert) und sehr tragisch.

Und sie zeigt – implizit – was uns Menschen verzweifeln lassen kann: Dass man oft das Beste will und auch so handelt (Garp fährt frühzeitig vom Kino nachhause, weil der junge Walt ins Bett gehört) und dann das Schlimmste bekommt (Walt stirbt).
 

Was ich sonst noch gut fand …

 
Insgesamt finde ich das Panorama, das der Roman entwirft, ganz einfach gelungen, er ist in seiner Gesamtheit für mein Gefühl perfekt arrangiert.

Der tragikomische Stil, der zwar übertrieben und skurril ist, aber nicht ins Fantastische oder Übernatürliche abgleitet, sagt mir ebenfalls – wie bereits erwähnt – zu. Klar ist vieles, was passiert, eher unwahrscheinlich. Aber es ist nach wie vor möglich.

Sehr gut gefiel mir, wie Irving seine Charaktere ausarbeitet. Garp und Helen sind sehr interessante und vielschichtige Protagonisten. Auch ihre Beziehung zueinander fand ich spannend. Ihre große Verehrung für den jeweils anderen, die aber dennoch Seitensprünge zulässt. Auch der Umgang mit den Enttäuschungen im Zusammen-Leben, der verletzte Stolz, das Wieder-Annähern, … all das behandelt Irving erzählerisch und mit Hilfe von glänzenden Dialogen so, dass es erfrischend bleibt und nicht ins Kitschige abgleitet. Er malt in diesen Fragen nicht in schwarz und weiß, sondern spielt virtuos mit verschiedensten Grautönen.

Natürlich gefällt mir das Buch auch, weil es von einem Schriftsteller und dessen Problemen mit dem Publikum, mit seinem Verleger und seiner Umwelt handelt, die ihm seine Launen nicht immer verzeihen. Darüber hinaus erzählt Garp immer wieder über seine kreativen Einfälle, über seine neuen Ideen für kommende Bücher, reflektiert seinen Stil und macht sich Gedanken darüber, wie er selbst als Schriftsteller wahrgenommen werden möchte. Außerdem webt Irving verschiedene Textarten in den Roman ein. So bekommen wir zum Beispiel Garps erste Kurzgeschichte zu lesen („Die Pension Grillparzer“), das erste Kapitel seines dritten Romans sowie Leserbriefe. In dieser „Pension Grillparzer“ kommt übrigens wieder der Bär vor, dieses von Irving so oft verwendete Tier. Und außerdem spielt sie in Österreich. (Ein Teil der Geschichte Garps wiederum passiert in Wien, wo Irving Anfang der Sechziger zwei Semester lang studierte.)

Neben dem Grotesken und dem Skurrilen, dem Tragischen und dem Komischen, neben den Übertreibungen, dem Perversen und Perfiden, hat es mir ganz einfach auch Irvings Humor angetan, der manchmal höchst subtil, manchmal aber auch simpel derb daherkommt.

Was mir auch noch auffiel: Nichts passiert zufällig oder ohne Vorwarnung. Irving entwickelt seine Handlungsstränge präzise zum Höhepunkt hin. Setzt dieser ein, sind wir zwar überrascht, erkennen aber, dass bereits zuvor Hinweise gegeben, dass bereits zuvor Hölzchen geworfen wurden, die sich nun zu einem fertigen Bild zusammensetzen. Auch deswegen wirken die skurrilen Ereignisse nicht konstruiert oder an den Haaren herbeigezogen.

Desweiteren nicht zu vergessen beim Besprechen von „Garp“: Dieses Buch erschien vor nun fast vierzig Jahren. Viele der besonders heiklen Szenen und Themen (Feminismus, Vergewaltigungen, Homosexualität, …) waren damals noch viel provokanter und weniger in aller Munde als heute! Keineswegs würde ich aber behaupten, dass der Roman bereits veraltet wäre.

Ja, ich denke, ich werde sicherlich noch ein Werk von diesem Mann lesen.

Auswahl gibt es da ja genug …
 
 
 
Kennst du den Roman „Garp und wie er die Welt sah“? Wenn ja, wie denkst du über ihn? Hast du andere Werke von John Irving gelesen? Was hältst du von der Kombination aus Tragischem und Lustigem?

Hinterlasse deine Antworten oder andere Gedanken einfach in den Kommentaren.

Bis bald,
Philipp
 
Garp und wie er die Welt sah
Foto: Greg Rakozy
 
Blogartikel veröffentlicht am 14.11.2017
 
Quelle: Irving, John (2017): Garp und wie er die Welt sah. Hamburg: Rowohlt.

Garp und wie er die Welt sah

4 Kommentare Schreib einen Kommentar

  1. Hallo Philipp,
    Du hast mich ganz schön neugierig auf den Roman gemacht. Ich habe aber die dumme Angewohnheit, mehr Bücher zu kaufen, wie ich lesen kann. Der Roman kommt aber auf meine Liste.
    Ich habe vor ein paar Monaten Owen Meany von John Irving gelesen. Auch tragisch und lustig, mit einem unglaublichen Finale. Der Roman hat sehr viel Tiefe. Es geht um Glaube, Freundschaft und der amerikanischen Geschichte eines halben Jahrhunderts. Es ist auch ein Schinken mit über 600 Seiten. Absolut empfehlenswert.
    Ein großes Lob und vielen Dank für deine tolle Seite, ich freue mich auf jeden neuen Artikel.
    Beste Grüße
    Peter

    • von Gedankennomade

      Lieber Peter,
      Ich glaube, diese dumme Angewohnheit habe ich auch. 🙂
      Na gut, dann werde ich wohl – sobald ich bei Irving weitermache – den „Owen Meany“ lesen. Klingt vielversprechend.
      Ich danke dir sehr für das Lob. Spornt mich an mit dem Gedankennomaden weiterzumachen.
      Bis bald,
      Philipp

  2. Es ist schon wahnsinnig lange her, dass ich das Buch gelesen habe, weiß aber noch, wie sehr ich es mochte. Owen Meany und Gottes wek und Teufels Beitrag finde ich auch sehr stark von John Irving. Wenn du Tragikomedie magst, schau dir mal Verrückt in Alabam von Mark Childhood an. Das hat auch einen wunderbaren absurden Humor.

    • von Gedankennomade

      Liebe Dagmar,
      danke für deinen Kommentar. Ein guter Freund von mir, der fast alles von Irving gelesen hat, meinte auch, dass „Owen Meany“ das allerbeste von ihm ist. Ich denke, das werde ich mir als nächstes geben, wenn ich wieder einmal Lust auf Irving habe. Danke auch für den Childhood-Tipp.
      Bis bald,
      Philipp

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