Jorge Luis Borges und Jon Bon Jovi

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Über das „Epische“ in Literatur und Musik

 
Da lag er vor mir dieser lang verloren geglaubte Schatz und ich war heiß darauf, ihn mir einzuverleiben.

Die Rede ist von Jorge Luis Borges‘ „Das Handwerk des Dichters“.

Ein Büchlein, dessen ersten Seiten mich vor zwei Jahren bereits einmal zutiefst beeindruckt hatten, war wieder aufgetaucht, und sollte nun endlich vollständig erschlossen werden.

Doch wie das manchmal so ist, wenn man glaubt, einen Diamanten in Händen zu halten, entpuppten sich die im Klappentext als „legendäre Harvard-Vorlesungen“ gepriesenen, kurzen Einblicke in Borges‘ Erkenntnisse über die Lyrik, das Lesen und das Schreiben bei näherem Hinsehen maximal als ein gut polierter Silbertaler.
 

Borges der Gigant …

 
Borges hatte mir bereits vor längerer Zeit ein sehr guter argentinischer Freund empfohlen; Cortázar wäre der König, Borges der Gott der argentinischen Literatur, meinte mein belesener und welterfahrener Kollege.

Ich begann mit dem König, dessen Roman „Rayuela“ ich beim ersten Mal resignierend weglegte.

Etwa ein Jahr später versuchte ich mich erneut an ihm und seitdem gehört er zu meinen absoluten Top 3.

Schließlich wollte ich mich zum Gott, zu Borges, weiterarbeiten.

Die „Fiktionen“, eine Sammlung von Kurzgeschichten, sind das bekannteste Werk dieses literarischen Giganten, der nie den Nobelpreis erhielt.

Und ja, diese mit Einfallsreichtum, Überraschungen und unendlichem Wissen gespickten Meisterstücke der Erzählkunst waren beeindruckend.
 

“Das Handwerk des Dichters“

 
Doch nicht um die „Fiktionen“ soll es heute gehen, sondern um Borges „Das Handwerk des Dichters“.

Ich mag es, wenn Dichter über ihr Handwerk schreiben. Wenn sie ihr eigenes Tun beleuchten und Überlegungen anstellen, warum sie es tun und wie sie es tun.

Die letzte der sechs Vorlesungen, die Borges 1967/1968 in Harvard hielt, dreht sich genau darum. Und so ist sie auch die einzige, mit der ich wirklich viel anfangen konnte.

Die anderen fünf beschäftigen sich in erster Linie mit den Eigenarten der lyrischen Dichtung. Borges versucht zu beschreiben, was den „eigentümlichen Schauer von Dichtung“ (Borges 2008: 20) ausmacht, der Liebhaber verzaubert, studiert intensiv das Phänomen der Metapher, diskutiert das Problem der Übersetzung von Lyrik, bringt uns die Veränderung von Worten im Laufe der Zeit näher und erörtert – last but not least – die heutzutage der Lyrik entgegenstehende erzählende Prosa sowie das Epos.

Borges bewegt sich vorsichtig tastend durch den Stoff und entschuldigt sich mehrmals für seine schwindende Erinnerung, für das Nicht-Beherrschen des Griechischen und seine Schwäche für abstraktes Denken. Das macht ihn sympathisch, lässt aber gleichzeitig seine Ideen und Schlüsse etwas vage und unbeholfen wirken. Man könnte andererseits aber auch argumentieren, dass genau dies das Besondere der Dichtung ist: Dass sie berührt, man aber – versucht man auszudrücken, warum sie das tut – immer nur zu unbefriedigenden Ergebnissen kommt.

Wie bereits angedeutet, war ich nach der Lektüre der 90 Seiten eher ernüchtert, vor allem weil ich – aus welchem Grund auch immer – nach erstem Hineinlesen wie verzaubert von Borges Worten zurückkam. Eine Tatsache, die einer näheren Betrachtung nicht minder wert wäre, hier aber ausgespart werden soll, um sich dem zweiten Protagonisten des Artikels zu widmen …
 

Jorge Luis Borges und Jon Bon Jovi

 
Ich habe Borges poetologische Überlegungen in der Hand und gleichzeitig meine Kopfhörer auf den Ohren, die mich im Zufallsprinzip durch eine Rock-Liste führen.

Am Anfang der fünften Vorlesung von Borges („Denken und Dichtung“) geht es um die Sprache der Musik.

Beim Schlagwort „Musik“ lausche ich kurz bewusster den Tönen in meinem Ohr.

Und wer singt mir da entgegen?

– Der gute alte Jon Bon Jovi mit einer der epischsten Aufnahmen, die jemals zum Besten gegeben wurden.

Ja, ihr habt richtig gehört.

Jener Jon Bon Jovi von „It’s my Life“ und anderen jüngeren Stücken, die er besser niemals geschrieben, geschweige denn vertonen hätte sollen.

Dieser Kerl war nämlich – zusammen mit seiner Band – am Anfang richtig gut.

Und weil es hier – wie mir dann klar wurde – noch nie um Musik ging und weil jener Song (richtiger: diese eine Version des Songs) für mich persönlich so etwas Besonderes ist, werde ich nun ein paar Absätze lang über dieses Meisterwerk sprechen …
 

Es war einmal im Jahre 1993 …

 
… ein legendäres Bon Jovi Konzert in Milton Keynes, England.

Die damals bereits seit zehn Jahren erfolgreiche Band gastierte auf ihrer „I’ll sleep when I’m Dead Tour“ auf der Insel und sollte eine ganz spezielle Version ihres Songs „Dry County“ zum Besten geben; Eine Version, die vor allem von den gesprochenen Worten Jon Bon Jovis sowie dem einzigartigen Gitarren-Solo lebt.

Doch Schritt für Schritt …

Am sinnvollsten ist es, sich die zwölf Minuten GENAU JETZT einmal selbst zu Gemüte zu führen und zu genießen, ehe ich erkläre, was sie bei mir persönlich auslösen.

Wer keine zwölf Minuten hat, muss sich zumindest das Intro (die ersten zwei Minuten) sowie Jon Bon Jovis Worte und das darauf folgende Gitarrensolo (Minute 7:10 bis etwa 9:00) geben, damit die weitere Lektüre dieses Eintrags Sinn macht.
 

“EPIC“

 
Borges spricht in seinem „Handwerk des Dichters“ auch vom Epos.

Ein Epos ist eine umfangreiche erzählende Dichtung in Versen, so wie sie Homer in der „Odysse“ und der „Ilias“ beispielhaft hinterlassen hat. Borges hält das Epos für die „älteste Form der Dichtung“ in der sich „alle Stimmen der Menschheit finden“; die „lyrische, die versonnene, die melancholische“, die „Stimmen des Mutes und der Hoffnung“ (Borges 2008: 36).

Wenn ich Borges im weiteren richtig verstanden habe, scheint er mit Schwermut zu konstatieren, dass das wahre Epos gestorben ist, es auseinandergebrochen ist in das Erzählen (Prosa) auf der einen und das Dichten in Versen (Lyrik) auf der anderen Seite (vgl. Borges 2008: 42). Er ist schwermütig, weil den heutigen Erzählungen ein epischer Held fehlt, ein „Mensch als Muster für alle Menschen“ (vgl. Borges 2008: 40), und man an dessen Stelle einen Charakter setzt, der zerfällt und degeneriert (vgl. Borges 2008: 40). Und er ist schwermütig, weil im 19. und 20. Jahrhundert alle möglichen Plots erfunden wurden, teilweise einfallsreicher als die Plots der Epen, diesen aber stets etwas Triviales anhaftet (vgl. Borges 2008: 41).

Kurz: Borges wünscht sich die großen Epen zurück und unterstellt diese Sehnsucht auch der Allgemeinheit: „In gewisser Weise hungern und dürsten die Leute nach dem Epischen. Ich habe das Gefühl, das Epos ist eines der Dinge, die die Menschen brauchen“ (Borges 2008: 43).

Ein „episches“ Buch. Ein „epischer“ Film. Oder ganz einfach der Anglizismus „epic“, den die jüngere Generation heute verwendet, wenn ein Erlebnis unvergessliche Höchstgefühle ausgelöst hat …

„Episch“ bedeutet groß, bewegend, umfangreich und tief aber dennoch fassbar und geradlinig und damit gerade NICHT dem Sinnverfall und der Vieldeutigkeit der Moderne preisgegeben. Womöglich ist vor allem letzteres der Grund, weshalb wir uns – vorausgesetzt Borges hat Recht – nach dem Epos sehnen.

Was „episch“ ist und was nicht, darüber sind wir uns natürlich nicht immer einig.

„Episch“ für mich ist zum Beispiel „Dry County, live at Milton Keynes 1993“.
 

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Epic „Dry County“ …

 
Ich hoffe, du hast dir den Titel nun bereits angehört. Vielleicht auch zwei- oder dreimal.

Was ich so speziell daran finde?
 

1. Das Intro:

 
Der schlagende Bass wird langsam lauter, das Klavier mischt sich ein, schließlich auch ein paar Gitarrentöne. Bereits die ersten Sekunden fesseln den Zuhörer. Etwas Mysteriöses und Packendes liegt in den Tönen.

Jon Bon Jovi haucht ein einfaches „Thank you“ ins Mikrofon, das Publikum kreischt, was die Intensität des Moments und die aufgeladene Stimmung noch einmal zusätzlich unterstreicht.

Schließlich beginnt er (0:30) mit seinen einleitenden Worten, die ich mir bereits gefühlte 200 Mal angehört habe, mich aber nach wie vor mitreißen:

Couple of years ago we took a … little bit of a break.
We got off the road, we stopped making records, I think for a while we stopped living.
What we had to do was running away from something that we loved to see if we liked it anymore,
and after living for I guess at the time about seven almost eight years out of the suitcase,
we had to go home and … see what those four letters meant.
When you sit by yourself, when you got a stare in that mirror you got to see if what you did makes
any sense to you.
Because if you are not happy, you are in a hell of a lot going, you know.
All the money in the world don’t mean nothing, all the success in the world means even less.
So we all went our seperate ways and we wanted to go and find something … and I got on a motorcycle
and I went out and I went to go see the country …
What I found, I liked a lot.
What I found was a lot of, a lot of people who were searching for the same kinds of things I was so
it didn’t get me down, but it sort of fueled the whole process.
And if you let me, I’ll take you on the back of my bike.
We’ll take you to a place, the place is called Dry County.

Viel steckt in diesen Zeilen;
Ein Künstler ist müde von den Jahren des Tourens. Er lebt den Traum, doch auch dieser ist weder unendlich noch unendlich befriedigend. Er läuft weg von dem, was er ist, nur um zu sehen, ob er es auch tatsächlich noch liebt. Er kommt nachhause, er hört auf Platten zu machen und hört damit auch auf zu leben. Er weiß schon gar nicht mehr, was dieses „Zuhause“ überhaupt bedeutet. Und so sitzt er dort, sieht Morgen für Morgen in den Spiegel und fragt sich, ob das, was er tat, in irgendeiner Weise Sinn hatte.
Schließlich schwingt er sich auf sein Motorrad und macht sich auf den Weg um „etwas“ zu finden.
Er ist begeistert von dem, was er findet. Denn er findet Menschen, die nach den selben Dingen suchen, wie er selbst, was seiner ganzen Suche zusätzlichen Antrieb verleiht …

Ich finde dieses Intro vor allem deswegen interessant, weil es zeigt, wie selbst ein Mensch, der seinen Traum als Musiker lebt, auch nach Jahren des Erfolges nicht befriedigt ist und weiter nach seinem Glück sucht. Zuhause findet er es nicht und so macht er sich wieder auf den Weg. Diesmal alleine, ohne die Musik und nur mit seinem Motorrad.

Eingeleitet vom Klavier (ebenfalls genial!) folgt die erste Strophe der Nummer, die uns mitnimmt nach „Dry County“.
 

2. Die Zwischenrede:

 
Da ich ein musikalischer Laie bin, weiß ich nicht, ob es einen Fachbegriff für Jon Bon Jovis zweite Wortspende (7:10) in der Live-Performance gibt.

Jedenfalls hat es auch diese in sich.

Der zweiten Wiederholung des Refrains geht ein kurzes Gitarrensolo nach.

Schließlich folgen die Worte (=Zwischenrede):

Everyday a man wakes up and everyday a man who has to pour himself a cup of coffee, take a good long hard look in the mirror. And sometimes what he looks at he doesn’t like and sometimes what he sees it makes him angry and sometimes what he sees it makes him sad. Sometimes what he sees is himself and that disappointment just gets into you, and it just rips at you, little by little, piece by piece. And sometimes you can just lay down, you can just play the game, you can just take the cards that they deal ya, you can just pretend that it’s all over. But not me!

Auch hier wird also das Bild des Blickes in den Spiegel als Repräsentant für die Sinnsuche wieder aufgenommen. Sehr wirksam: wie die Worte immer schneller und lauter werden. Besonders gut gefällt mir das befreiende „But not me!“ am Ende, gefolgt von einem der wahnsinnig geilsten Gitarrensolos der Geschichte.

Ich glaube jeder von uns kennt diesen Blick in den Spiegel. Und gerade an jenen Tagen, an denen man in der Fratze, die man dort sieht, nichts Positives finden kann, an denen sie dich wütend oder traurig macht, gerade an diesen Tagen musst du dich aufraffen und sagen „NICHT MIT MIR!“
 

3. Das Gitarrensolo:

 
Tja, viel mehr als hinhören und genießen (7:42) bleibt hier nicht zu sagen … (Beschreiben könnte ich es ohnehin nicht!)
 

Eine epische Nummer …

 
Die Nummer ist aus mehreren Gründen episch für mich.

Weil sie mir mein guter Freund Rafael Haslauer vorspielte, als ich etwa 13 war und sie sich damals schon in mein Gehirn brannte.

Weil sie eine einfache aber starke Geschichte erzählt, mit der sich Suchende wie ich sehr gut identifizieren können.

Weil sie verschiedene Elemente enthält, die meisterhaft zusammenspielen (Intro, Strophe, Refrain, Zwischenrede, Solo, Schluss, …), sie also Erzählendes und Lyrisches ineinander vereint, wenn man so will, und noch einmal auf Borges‘ Charakterisierung des Epos verweisen möchte.
 

Borges – Bon Jovi – Borges – Bon Jovi – …

 
Nachdem wir „Dry County“ nun abgehakt haben, springen wir ein letztes Mal zurück zum anderen Helden unseres Artikels.

Wie gesagt, war ich nicht begeistert von Borges „Das Handwerk des Dichters“. Nichts desto trotz enthielt es ein paar spannende Stellen, die ich teilweise bereits weiter oben einfließen hab lassen.

Fett unterstrichen habe ich aber vor allem diese Passage:

Für mich ist nämlich das Angedeutete weit wirkungsvoller als das Ausgesprochene. Vielleicht neigt der menschliche Geist dazu, einer Behauptung zu widersprechen. Bedenken Sie, was Emerson sagte: Argumente überzeugen niemanden. Sie überzeugen deshalb niemanden, weil sie als Argumente präsentiert werden. Dann betrachten wir sie, wir wägen sie, wenden sie hin und her und entscheiden uns gegen sie.
Aber wenn etwas nur gesagt oder – noch besser – angedeutet wird, gib es eine Art Gastlichkeit in unserer Vorstellungskraft. Wir sind bereit, es zu akzeptieren.
(Borges 2008: 28)

Ja, da ist absolut etwas dran! Und man muss gar nichts mehr hinzufügen. Ich werde die paar Zeilen lediglich noch einmal fetter unterstreichen.

Ein weitere kurze Passage fand ich ebenfalls besonders bemerkenswert und wahr:

Ich betrachte mich vor allem als Leser. Wie Sie wissen, habe ich mich ans Schreiben gewagt; aber ich glaube, das, was ich gelesen haben, ist viel wichtiger als das, was ich geschrieben habe. Denn man liest das, was man mag – aber man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist.
(Borges 2008: 73)

Auch hier bleibt mir, als Leser und Schreiber, nichts weiter anzumerken.

Und somit beende ich die Geschichte, die davon erzählte, wie ich von einem durchschnittlichem Buch zu einem epischen Song kam.
 
 
 
Was hältst du von Borges? Und was hältst du von Jon Bon Jovi? Wie gefällt dir die im Artikel näher behandelte Version von „Dry County“? Löst sie auch bei dir etwas aus? Welche anderen epischen Songs fallen dir spontan ein? Wer ist eigentlich der größte Texter der Musikgeschichte?

Hinterlasse mir doch ein Kommentar mit all deinen Assoziationen, Fragen oder Ideen.

Ich würde mich sehr über deine Gedanken freuen.
 
Bis bald,
Philipp
 
Jorge Luis Borges und Jon Bon Jovi
Foto: Mike Giles

Blogartikel veröffentlicht am 27.8.2017

Quelle: Borges, Jorge Luis (1977): Das Handwerk des Dichters. Frankfurt: Fischer.

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