Mein Problem mit Gedichten …

Artikel lesen

Gedichte, deutscher Rap und derbe Witze …

 
Während meiner Jahre in Frankreich pflasterte ich die Innenseite meiner Toilettentüre stets mit Französisch-Vokabeln zu.

So bekam ich sie wiederholt zu Gesicht und trainierte während längeren „Sitzungen“ meinen Wortschatz.

Einmal hing dort auch für mehrere Monate ein Gedicht.

Ein Gedicht von Hermann Hesse und ja, ich kann wohl sagen, dass es nach wie vor mein Lieblingsgedicht ist.

Es nennt sich „Stufen“ und du solltest dir nun eine halbe Minute Zeit nehmen um es langsam und achtsam zu lesen, sofern du vorhast, mir auch im Rest dieses Posts zu folgen …

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Gedichte auswendig lernen …

 
Das Gedicht hing dort so vor sich hin, weil es mir gefiel, es sehr gut meine Lebensphilosophie wiedergibt und ich es auswendig lernen wollte.

Warum?

Weil ich mich zu dem Zeitpunkt gerade intensiver mit Gedichten der Deutschen Literatur beschäftigt hatte.

Und weil ich es überraschend – ja fast schon peinlich – fand, dass ich kein einziges Gedicht auswendig konnte.

In der Schule wurde diese Kompetenz von uns zu keinem Zeitpunkt verlangt. Und das obwohl unsere Deutsch-Professorin eine große Vorliebe für Lyrik hatte.

Sollte es verlangt werden?

Ich denke, es kann eine gute Übung sein. Viel wichtiger ist aber, Begeisterung für den kreativen und literarischen Umgang mit der Sprache – sei es nun als Gedicht, als Drama oder als Roman – wecken zu können. Ein Ziel, an dem sehr viele Lehrerinnen und Lehrer scheitern. Und ich muss zugeben, dass es eine sehr große und schwere Aufgabe ist, jungen Kids Begeisterung für die Sprache und die Literatur beizubringen und sie für dieses Gebiet zu gewinnen. Zumindest scheint es mir so, wenn ich mit Kindern oder Jugendlichen über den Deutsch-Unterricht spreche und ihnen das Bearbeiten von Klassikern verhasst ist, sie ihre Reclam-Büchlein am liebsten verbrennen würden.

Liegt es an der Art des Deutsch-Unterrichts?

Oder an der fehlenden Begeisterung der Lehrer in der Vermittlung des Abenteuers Literatur?

Oder an den Kids selbst, die in der heutigen Zeit der Smartphones und I-Pads jedem Buch von vornherein mit Skepsis begegnen?

Ich weiß es nicht, denn ich habe viel zu wenig Einblick in Schulen.

Aber ich weiß, dass es eine für mich sehr reizvolle und spannende Aufgabe wäre, junge Menschen für das Schöne im Umgang mit der Sprache und mit Texten zu begeistern … In etwa so wie Robin Williams im „Club der toten Dichter“.
 

Diese Menschen, die Dutzende Phrasen parat haben …

 
Da hing es nun also dieses Hesse-Gedicht.

Und ich versuchte, es auswendig zu lernen.

Dass ich nicht der Beste im Merken von Zahlen bin, habe ich ja an anderer Stelle schon mal erwähnt.

Dass ich obendrein auch nicht der Beste im Merken von Sätzen bin, wurde mir erst in Frankreich am Klo bewusst …

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich brauchte, um mir den ersten Absatz, also zehn Zeilen, einzuprägen.

Sehr lange.

Viel zu lange.

Und ich konnte nicht glauben, wie schwer das war.

Im Internet fand ich den Tipp, sich zu jeder Zeile ein Bild zu denken. Das half mir ein wenig weiter.

Aber bis ich es vom Anfang bis zum Ende auswendig aufsagen konnte, vergingen Wochen. (Wobei ich immer wieder mal ein paar Tage aufs Üben vergaß.)

Und ich fragte mich, wie das all diese Mädchen und Burschen unter meinen Bekannten machen, die nicht nur Dutzende von Redewendungen ständig parat haben und zum Besten geben, sondern darüber hinaus auch ganze Film-Dialoge oder -Monologe wortwörtlich fehlerfrei aufsagen können.

– Eine Fähigkeit, die mich immer wieder beeindruckt und mit der diese Menschen sicher auch Gedichte schnell abspeichern und abrufen könnten.

Doch wer braucht schon Gedichte …
 

Mein Problem mit Gedichten …

 
… Brauche ICH sie, die Gedichte?

Müsste ich mich entscheiden, entweder alle Gedichte, alle Romane oder alle Dramen dieser Welt zu verbrennen, ich würde mich für die Gedichte entscheiden. In den Romanen finde ich stets das Wertvollste für mich, die Dramen lese ich ungerne, konnten mich aber auch schon ein paar Mal begeistern, aber die Gedichte …

Ich stehe ihnen skeptisch gegenüber. Sagen wir, das Gedicht und ich, wir haben eine komplizierte Beziehung.

Und ich habe mich schon öfter gefragt, warum das so ist.

Das war auch der Grund, weshalb ich damals in Frankreich mehr über das Gedicht wissen wollte, und mir das Taschenbuch mit dem vielversprechenden Titel „Die besten deutschen Gedichte. Ausgewählt von Marcel Reich-Ranicki“ bestellte.

Und was fand ich da?

Gedichte …

Und wie gut waren sie?

Waren sie tatsächlich die Besten?

Wenn ja, dann scheint Reich-Ranickis Geschmack in diesem Bereich nicht sehr mit dem meinem übereinzustimmen.

Denn nur selten hielt ich nach der Lektüre eines der ausgewählten Werke inne, dachte länger über das Gelesene nach oder war gar berührt von den Worten.

Woran liegt das?

Einerseits sicher einmal daran, dass Geschmäcker sehr unterschiedlich sind (oh welch große Weisheit!) und in diesem Bereich „das Beste“ wohl noch subjektiver ist als in vielen anderen.

Andererseits daran, dass sich meine skeptische Sicht auf das Gedicht auch während oder nach der Letküre des Bandes nicht veränderte.

Ich wurde also nicht schlauer, die skeptische Sicht auf das Gedicht sogar noch verstärkt.
 

Der Gratis E-Mail-Guide

– 16 Gründe und 19 Schritte um zum Leser zu werden

– 8 Gründe und 12 Schritte um zum Denker zu werden

– 13 Gründe und 8 Schritte um zum Schreiber zu werden

Altbacken, schmalzig und allessagend …

 
Es war nicht die von vielen Schülerinnen und Schülern abgründig tief gehasste Gedichtanalyse im Deutsch-Unterricht, die mir den Spaß an der Lyrik genommen hat.

Ich schrieb zwar lieber Essays (oder „Erörterungen“ wie wir sie nannten), aber ein Gedicht formal und inhaltlich zu betrachten und nach dem tieferen Sinn darin zu schürfen, war hin und wieder auch ganz nett.

Überhaupt hat mir nichts den Spaß an der Lyrik genommen. Doch genau so wenig kam irgendwann große Begeisterung für sie auf.

Die Gründe?

Mit so manchen Klassikern kann ich einfach gar nichts anfangen.

Am schlimmsten sind romantische Liebesgedichte, so schmalzig, dass sich mir die Haare aufstellen nach den ersten beiden Reimen und ich sie spätestens beim vierten angewidert zitternd weglegen muss.

Viele Gedichte aus dem Kanon wirken auf mich altbacken und übertrieben. Die Sprache zu aufgeblasen, das schwärmerische Element zu extrem forciert und die wunderbare Natur, die für die meisten Bilder herhalten muss, zu sehr verklärt.

Und dann diese moderne Lyrik, die Sätze aneinanderreiht, die alles bedeuten können. Die Gedichte erschafft, die man hundertmal verschieden deuten kann. Sorry, aber mir persönlich macht das einfach keine Freude, wenn ich so ein Sprachrätsel vorgelegt bekomme, bei dem ich mir zu 99 Prozent sicher bin, dass auch der Verfasser die „Lösung“ nicht kannte …
 

Ist das Gedicht nicht mehr zeitgemäß?

 
Insgesamt ist das Gedicht wohl eine veraltete Form der Kunst, die früher – so scheint es mir – noch höher geschätzt wurde als heute, mit der man damals noch mehr anfangen konnte als heute.

Kann es sein, dass das Gedicht damals mehr wert und anschlussfähiger war? In Zeiten als es noch nicht kurze Videoclips oder Songs waren, über die gesprochen wurde und die auf elektronischen Geräten herumgereicht und konsumiert wurden?

Lustigerweise stolperte ich nach der Formulierung des vorigen Satzes letzte Nacht – zwischen drei und sechs Uhr früh von Insomnia geplagt – auf eine Bekräftigung dieser These;

Manchmal, wenn ich nicht schlafen kann, suche ich auf Youtube Videos mit Inhalten, die, um verstanden zu werden, Konzentration erfordern. In einem von zwei Fällen reichen ein paar Minuten und ich schlummere weg wie ein Baby. Doch genauso oft passiert genau das Gegenteil, das gewählte Video hält mich erst recht wach und ich muss ihm bis zum Ende lauschen.

So auch letzte Nacht, als ich mir wieder einmal Richard David Precht (Nein, ich bekomme KEIN Geld dafür, seinen Namen hier wiederholt zu erwähnen!) gab. Diesmal in einer Diskussion mit Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge.

Es geht im Großen und Ganzen um die immer komplexer werdende Welt und den dadurch ratlos zurückbleibenden Menschen. Etwa in der Mitte des Gesprächs (ab Minute 22) berichtet Kluge von Kindern, die in der Schule Dramen schreiben mussten. In fast allen Texten ging es um Mord und man sah, wie durchgehend klare Erzählmuster aus den populären Fernsehserien angewandt wurden. Kluge selbst nennt dieses Phänomen in der Diskussion „Fantasiestrukturen“, die – von den Medien erzeugt – in den Köpfen der Kinder (und von uns allen) liegen und die sie quasi zuerst überwinden mussten, um beim Verfassen der Dramen individuell-authentische Inhalte einfließen lassen zu können.

Precht setzt an dieser Stelle fort und bringt das Gedicht ins Spiel. Sein Sohn musste sich in der Schule gerade mit Schillers Ballade „Die Bürgschaft“ beschäftigen. Precht Vater liebt sie, Precht Sohn konnte mit ihr aber nichts anfangen. Precht Vater ist enttäuscht und meint zum Sohn, der Lehrer müsste den Schülerinnen und Schülern den Auftrag geben, ein Drehbuch daraus zu machen. Und so geht er die Ballade mit seinem Sohn Stück für Stück durch und sobald es filmisch wird, also der Weg von der Ballade zum Film gefunden ist (der Sohn bringt verschiedene Kameraperspektiven ins Spiel et cetera), geht für den Sohnemann auf einmal alles auf, er kann nun etwas anfangen mit Form und Inhalt der Ballade.

Precht interpretiert dieses Erlebnis so, dass das technische Denken, das für seinen Sohn Zeit dessen Lebens gegenwärtig war und ist (Precht selbst hingegen immer noch fremd ist), die Quelle ist, von der aus die Phantasie des Sohnes erst animiert werden muss.

Es stellt sich nun natürlich die Frage, wieviel vom ursprünglichen Gedicht noch übrigbleibt, wenn man ein Drehbuch draus macht und ob der Sohn jetzt auch wirklich das Gedicht selbst schätzt oder bloß die Drehbuch-Version desselben.
 

The new generation …

 
Auch Stefan Zweig (in „Die Welt von gestern“) und Reich-Ranicki (in „Mein Leben“) bekräftigen für mich die Vermutung, dass das Gedicht an Gewicht verloren hat. Denn sie sprechen dort in ihren Autobiografien noch von der großen Bedeutung, welche die Lyrik schon in ihrer Kindheit und Jugend für sie hatte und die sie Zeit ihres Lebens behielt.

Wurde das Gedicht in unserer Generation vielleicht auch vom Rap verdrängt, dessen gereimte Texte viele Kids und Jugendliche nachsprechen und toll finden während sie Gedichte keines Blickes würdigen?

Ich denke, auch ich bin so einer der neuen Generation.

Ich liebe Rap, besonders Deutsch-Rap, bin mit ihm aufgewachsen und stehe auf gelungene, ausdrucksstarke Rap-Texte während Gedichte oft alt, verstaubt und uncool auf mich wirken.

Oft, aber nicht immer.

Hesses „Stufen“ ist das beste Beispiel für ein Gedicht, das all das hat, was ein Gedicht für mich haben muss;

Eine virtuos gewählte, bildhafte aber gleichzeitig nicht übertriebene Sprache.

Schöne, klingende Reime, die ein insgesamt durchkomponiertes Gesamtbild erzeugen. (Ja, ich steh auf gereimte Gedichte. Klar, der Reim ist keine Pflicht im Gedicht. Aber mir sind die gereimten am liebsten.)

Themen und Botschaften, die zwar in Bildern transportiert werden aber am Ende dennoch eindeutig nachvollzogen werden können. Hier: Altern, Akzeptanz von Veränderung, Offenheit für Neues, Tod.

Und eine sich durch alle Zeilen ziehende melancholische Stimmung, die es schafft, mich schon während des Lesens in einen bittersüßen Zustand zu versetzen, der auch nach Beendigung der Lektüre anhält.

Ja, Gedichte wie „Stufen“ sind es, die mich dann doch noch die Magie von Gedichten erkennen lassen.
 

Das unkaputtbare Geburtstagsgedicht …

 
Darüber hinaus dichten wir doch alle gerne.

Auch die, die nie ein klassisches Gedicht lesen würden.

Fast jeder von uns hat schon einmal der Freundin, dem Freund oder den Eltern ein kleines Gedicht zum Geburtstag geschrieben. Auch wenn es nur ein paar Zeilen in einer Kommunikations-App waren.

Bei heiteren Gedichten kann man außerdem kaum etwas falsch machen. Es sind die schweren und ernsten Gedichte, die Virtuosität verlangen. Sowohl im Alltag als auch in der Literatur.

Reime machen Spaß.

Und Reime wirken.

Sie wirken, um sich Dinge besser einzuprägen.

Sie wirken, um Botschaften eingehender zu machen, seien sie heiter oder traurig.

Und sie wirken, um zu wirken … Denn das Rezitieren eines auswendig gelernten Gedichts mag fast jeden begeistern.
 

Ein derber, halblustiger Witz zum Abschluss …

 
Weiter oben war die Rede von jenen Naturen, die, einem Diktiergerät gleich, eine unendliche Anzahl an Redewendungen, Sprüchen oder Filmdialogen wiedergeben können.

Mich beeindruckt wie gesagt diese Fähigkeit. Nichts desto trotz überschreiten diese Menschen oft aber auch die Grenze in Richtung Nervensägen, da sie ihr Talent überstrapazieren.

Zum Beispiel indem sie endlos halblustige Witze zum Besten geben.

Ich hab meistens keinen einzigen Witz parat.

Doch ein halblustiger fällt mir nun – da es ums Reimen geht – gerade noch ein:

Zwei Männer stehen auf einer Brücke. Der eine sagt zum andren;

„Lass uns ein bisschen reimen und dichten.
Ich fang‘ an: Ich stehe auf der Brücke und über mir fliegt in eine Mücke.
Jetzt du!“

„Okay … Ähm … Ich stehe auf der Brücke und steck mir den Finger in den Arsch.“

„Was? Das reimt sich doch nicht!“

„Nein, aber es dichtet!“
 
 
 
Was hältst du vom Gedicht „Stufen“? Wie stehst du zur Kunstform Gedicht allgemein? Hast du ein Lieblingsgedicht und wenn ja, welches? Kannst du Gedichte auswendig? Denkst du auch, dass das Gedicht an Wert verloren hat? Bist du einer dieser Menschen, die sich Unmengen an Sätzen und Aussprüchen merken können? Was hängt an deiner Klotüre? Und wie schlecht ist eigentlich der Witz am Ende des Artikels? 😊

Ich würde mich sehr über Kommentare hier unter dem Blog-Post freuen.

Vielen Dank und bis bald,

Philipp

Problem mit Gedichten

Foto: Randy Jacob

Blogartikel veröffentlicht am 28.3.2017

6 Kommentare Schreib einen Kommentar

  1. von Laura

    Hallo! Aus irgendeinem Grund kommt mir beim Lesen dieses Blogposts der Film „Paterson“ von Jim Jarmusch in den Sinn. Find ich sehr interessant, wie dort mit dem Thema Lyrik und Poesie umgegangen wird.

    Danke für deine Inputs – ich freue mich immer wieder über die verschiedensten Gedankengänge! 🙂

    • von Gedankennomade

      Hallo Laura,

      Von dem Film hatte ich noch nie gehört, hab mir jetzt aber auf Wikipedia die Handlung durchgelesen und muss sagen, dass sie sehr interessant klingt. Leider schaffe ich es am Ende aber meist doch nicht, interessante Filme auch anzusehen …
      Freut mich sehr, dass du mit meinen Gedanken etwas anfangen kannst.
      Und noch mehr freut es mich, wenn du auch ein paar von deinen hinterlässt!

      Bis bald,
      Philipp

  2. von johanna

    lieber Philipp,
    es ist noch nicht lang her da besuchte ich den kurs „gedichte lesen und verstehen“. ja und nachdem uns ein begeisteter Professor der Lyrik erklärt hat dass gedichte die „verdichteste Sprache“ überhaupt sind gings los und es machte spass und freude und das gehirn kam auf touren , ich schwitze und der Professor lief zur höchstform auf um uns spuren zu legen . ja was will ich damit sagen, es braucht eine gute Anleitung. nie und nimmer würde ich allein über eine einzige gedichtzeile so lange nachdenken , grübeln und wieder verwerfen. gerade in einer zeit wo man erfolg hat wenn man alles rasch erfasst und auf den punkt bringen kann. ja gedichte sind wohl nicht mehr zeitgemäss !!??aber beim nächsten kurs bin ich wieder dabei

    • von Gedankennomade

      Liebe Johanna,
      „Verdichteste Sprache“ überhaupt. Ja, ich denke, das hat unsere Deutsch-Professorin auch öfters gesagt. Das stimmt auf jeden Fall. Und ist wohl auch ein Grund, weshalb Gedichte nicht für jede/n sind.
      Da muss ich dir auch wieder recht geben. Ich grüble zwar gerne und mache mir Gedanken, natürlich auch zu Texten, bei extrem interpretationsoffenen Gedichten – wie im Artikel angesprochen – geschieht jedoch manchmal das Gegenteil: ich will gar nicht darüber nachdenken. Bekommt man dann jedoch Input von einem Menschen, der sich wirklich gut auskennt, der ein bisschen auf die Sprünge hilft oder Hinweise gibt, in welche Richtung eine Interpretation gehen KÖNNTE, kann dennoch wieder Freude und Motivation aufkommen bei mir.
      Ich kann also sehr gut nachvollziehen, was du meinst.
      Und wieder einmal sieht man wie wichtig der Input und die Persönlichkeit der Lehrerin oder des Lehrers ist, wenn es darum geht, Dinge schmackhaft zu machen.

  3. von astrid

    Lieber Philipp,
    zunächst erlaube ich mir, dir genussvoll und aus vollem Herzen zu widersprechen: In meinen Augen ist das Gedicht die nützlichste der drei literaturtheoretischen Gattungen überhaupt. Weil es vom Leser den höchsten das höchste Maß an eigener Beteiligung fordert
    – oder, anders ausgedrückt: Weil ihm den höchsten Grad eigener Initiative zugesteht.
    Ich mag meine Fantasie nicht aus der Hand geben.
    Ich mag mir nicht vom Autor eines Romans diktieren lassen, wie ich mir dieses Anwesen in South in Sussex oder jene fliegende Untertasse vorzustellen habe.
    Ich suche beim Lesen keine fertigen Antworten auf meine Fragen. Ich suche Anstöße, um die Antworten in mir selbst zu finden.
    Ich will mich nicht unterhalten oder belehren lassen. Ich will getroffen werden. Das Gedicht, mal etwas krass gesagt, soll mich ausziehen. Es soll mich nackt machen und verwundbar. Es soll mich nehmen, ehe ich (was bei Roman und Drama schon aufgrund der Dauer viel einfacher zu bewerkstelligen ist) die Möglichkeit habe, mich wieder zu bedecken
    und in die Komfortzone zu flüchten.

    Ich denke auch, dass das Gedicht an Wert eher gewonnen hat. Gedichte sind kurz. Sie passen schon dem Format nach bestens in unsere Kultur der Zwanzig-Sekunden-Aufmerksamkeitsspanne. Sie sind „nicht-linear“. Sie korrespondieren den Paradoxa der modernen Physik und sind, so gesehen, realistischer als die am Ursache-und-Wirkung-Prinzip orientierten Formen des Romans und des Dramas, die sich ihrerseits ja oft in ein quasi lyrisches Chaos aufzulösen begonnen haben.
    Und: Das Gedicht (abgesehen von der Ballade, aber da handelt es sich ja eigentlich nicht um Lyrik, sondern um Epik in gereimter Form) ist pures Jetzt – und eben darum praktisch unvergänglich. Jetzt ist immer.

    Komplett auswendig kenne ich gerade mal zwei Gedichte aus Robert Gernhardts „Wörtersee“, ein Haiku von Basho, Rilkes „Rondell“ (wer es kennt, ahnt, warum …) und etliche Kirchenliedstrophen, die ich als Kind (glücklicherweise) nie verstanden habe.
    Auswendiglernen war für mich nie ein Zugang zur Lyrik. Du klebst an den Worten, am Hersagen-Können. Wenn du einem Gedicht wirklich glaubst, weißt du es für immer, ob im Wortlaut oder nicht. Glaubst du ihm nicht, macht dich das Merken nicht glücklicher.

    Noch eine Bosheit zum Schluss: Hesses Stufen, behaupte ich, sind zu 4,5% Geniestreich und zu 95,5% Materialverschwendung. „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ – darin liegt eine Welt, kristallklar auf den Punkt gebracht. Ein Satz wie dieser gehörte an jede Klotüre 😉 Der Kontext – doch, ja, sicher sehr abgeklärt und weise und kunstvoll gereimt. Nur: er berührt mich nicht.

    • von Gedankennomade

      Liebe Astrid,

      Endlich komme ich zum Antworten. Leider hatte ich die letzten Wochen gar keine Zeit für mein Projekt und der nächste Blogartikel wird weiter auf sich warten lassen …
      Zuerst: Vielen Dank für deinen genussvollen Widerspruch aus ganzem Herzen. Auch solche gehören hier her.
      Was du zum Gedicht im Vergleich zum Roman und Drama sagst, stimmt sicherlich. Es verlangt im höchsten Grade Eigeninitiative und Phantasie. Dennoch werden diese beiden Tätigkeiten auch beim Roman und beim Drama vom Leser gefordert. Aber dem würdest du wohl auch gar nicht widersprechen. Meine Meinung ändere ich aber dennoch nicht: Für mich persönlich ist und bleibt das Gedicht die am wenigsten interessante der drei Gattungen, auch wenn ich – wie im Artikel beschrieben – sehr wohl einige Gedichte sehr interessant finde und ich mich sicherlich auch weiterhin mit ihnen beschäftigen werde.

      Dein nächstes Argument für das Gedicht, nämlich dass es durch seine Kürze und Nicht-Linearität eher an Wert gewinnt, ist auch nachvollziehbar. Zumindest klingt diese Argumentation einleuchtend. Aber sehen tu ich das dennoch nirgendwo in unserer Gesellschaft, dass diese Kunstform an Wert gewinnen würde … Wie auch immer: da bräuchten wir ohnehin eine Studie, um den Wert des Gedichts bzw. dessen Zu- oder Abnahme beweisen zu können. Und müssten zuerst einmal „Wert“ definieren und dann sehen, wie man oder ob man überhaupt erheben könnte, wie sich die Wahrnehmung und die Wertschätzung des Gedichts verändert haben.

      Das mit den Romanen verstehe ich nun nicht ganz. Am Ursache-und-Wirkung-Prinzip orientierte Romane, die sich in ein lyrisches Chaos auflösen? Das ist doch jetzt ein Widerspruch oder?

      Den Satz „Wenn du einem Gedicht wirklich glaubst, weißt du es für immer, ob im Wortlaut oder nicht. Glaubst du ihm nicht, macht dich das Merken nicht glücklicher.“ finde ich wiederum sehr schön und treffend formuliert!

      Und zur Bosheit am Schluss: Da sind eben Geschmäcker wieder einmal verschieden. Mich berühren mehrere Sätze des Gedichtes und die Gesamtschwingung, die es in mir erzeugt. Für mich ist es also durch und durch Geniestreich.

      Das mit der Klotüre habe ich nun aber wieder nicht verstanden. – Ironie oder nicht? Was gehört an eine Klotüre? Geniales oder Scheiße?

Kommentar verfassen

© 2017 Philipp Kroiss · Impressum · Datenschutz · Nutzungsbedingungen · Über mich · Kontakt