Versuch über das Fresse-Halten …

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Oft ist es am besten die „Gosch‘n“ zu halten …

 
Für alle deutschen Leser: „Hoid die Gosch‘n!“ verwendet der Österreicher so wie der Deutsche sein „Halt die Fresse!“.

Bereits in meinem Gedankennomaden-Guide behaupte ich, dass Schreiben sympathisch, Reden aber nervig sei.

Und ich träume dort von einer Welt, in der man sich nur beschriebene Zettel zusteckt und gleichzeitig die Fresse hält.

Ich muss ja ein ziemlich schweigsamer, abweisender und komischer Kauz sein, wird man sich nun denken …
 

Bullshit und Mundstuhl

 
„Schweigsam“ auf jeden Fall, „abweisend“ manchmal und „komisch“, das liegt wohl im Auge des Betrachters beziehungsweise in der Definition dieses Wortes.

Ohne Zweifel bin ich der Meinung, dass zu viel Bullshit geredet wird.

Dass zu viel einfach rausgesagt, zu wenig reflektiert, zu oft Halbwahrheit verbreitet und zu oft geredet wird nur um zu reden.

Ein guter Freund von mir, der diese Sicht teilt, begegnet einem Zuviel nervender, halbwahrer und halblustiger Worte in einer Gesellschaft meistens so:

Er macht den letzten Schluck von seinem Bier, knallt das Glas auf den Tisch, schreit einmal laut „Mundstuhl“, steht auf und verlässt darauf die Gruppe.
 

“An unnecessary stain on silence“

 
Fresse, Bullshit und Mundstuhl.

Lassen wir es vorerst einmal gut sein mit den derben Kraftausdrücken und werden wir etwas literarischer.

Eines meiner absoluten Lieblingszitate der Weltliteratur, das mir im Zusammenhang mit dem Bisherigen stets in den Sinn kommt, lautet wie folgt:

Every word is like an unnecessary stain on silence and nothingness.

Es wird dem britisch-irischen Schriftsteller Samuel Beckett zugeschrieben. Ein Mann, dessen literarisches Werk in erster Linie durch seine Absurdität glänzt, der in seinen Stücken meist vollkommen vom Zeitgeschehen abstrahiert und Figuren in den Vordergrund stellt, die skurril-komisch mit ihrem eigenen Sein beschäftigt sind. Sein berühmtestes Stück: „Warten auf Godot“. Inhalt? – Wladimir und Estragon warten auf Godot. Wer das ist? – Weiß keiner. Was passiert, als er dann endlich auftaucht? – Er taucht nie auf!

Doch zurück zum Zitat.

Frei übersetzt: „Jedes Wort ist wie ein unnötiger Fleck auf dem Schweigen und dem Nichts.“

Es passt wohl gut zu Becketts Vorliebe für Ironisches und Absurdes, dass er die Botschaft des eigenen Zitats durch sein umfangreiches Werk quasi ignoriert. Denn er hat mit diesem Werk viele Flecken auf dem Schweigen und dem Nichts hinterlassen.

Doch lösen wir das Zitat etwas aus dem Kontext. Verstehen wir unter „Wort“ nicht das geschriebene sondern das gesprochene Wort. Denn dann drückt dieser Satz in treffender und kunstvoller Weise genau das aus, was ich mir oft denke:

Dass das in unseren Kreisen so hochgelobte und überschätzte gesprochene Wort ein unnötiger, hässlicher Fleck auf der angenehmen atmosphärischen Stille ist, die uns umgeben könnte.
 

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Nicht-Reden als Affront …

 
Als Mannschaftssportler verbringe ich viel Zeit mit dem Team. Man trainiert nicht nur täglich zusammen, nein, man isst und reist auch häufig gemeinsam.

Während es einige Naturen gibt, die am Esstisch oder am Flughafen die ganze Zeit und ohne Beistrich und Komma ihre Ansichten, Meinungen und Erlebnisse zum Besten geben, vertiefe ich mich gerne in meine Gedanken, trage wenig bis gar nichts zum Gespräch bei, ja folge ihm teilweise nicht einmal …

Das Resultat?

„Philipp, was ist los mit dir?“

„Philipp, bist du schlecht drauf?“

„Philipp, sag doch auch einmal was!“

Warum muss man sich verdammt nochmal an jedem Gespräch beteiligen? Warum gilt man als schlecht gelaunt, wenn man keine Worte zum Thema spendet? Weshalb muss man jedem Gedankenaustauch folgen und Stellung beziehen? Wieso muss ich bei halb- bis völlig unlustigen Kommentaren den Mund zu einem Lächeln verziehen, was bei mir nach spätestens 15 Minuten die Gesichtsmuskulatur so überfordert, dass ich meine Mimik nicht mehr kontrollieren kann? Warum darf man nicht träumen und sich in seinen eigenen Gedanken verlieren?

Ich habe mich immerhin nicht zu einer Talk-Show oder Diskussionsrunde angemeldet …

Nicht-Reden gilt fast schon als Affront in so mancher Gruppe von Menschen.

Und diese unausgesprochene Forderung in einer Gesellschaft reden und lächeln zu müssen, auch wenn mir gerade gar nicht danach ist, kann unglaublich mühsam und auslaugend für mich sein.
 

Die Dummen und die Gescheiten …

 
Es ist aber nicht bloß der Gefallen am Schweigen und der Stille, der mich zu sparsamer Wortwahl treibt.

Nein, es ist darüber hinaus auch der Anspruch, dass, wenn ich etwas sage, ich etwas Gehaltvolles oder Lustiges sagen will. Etwas Belangreiches, das ich auch begründen kann. Oder etwas Hilfreiches, das ein Problem klären oder einen Gesprächspartner weiterbringen kann.

So habe ich das gelernt und so finde ich das sinnvoll. Sprechen um zu sprechen ist bei mir eben nicht im Programm.

Und dieser sorgsame Umgang mit dem gesprochenen Wort hängt auch damit zusammen, dass ich oft die – für andere – einfachsten Themen und Sachverhalte so sehr von verschiedensten Seiten beleuchte, dass mir ein klares, scharfes Urteil schwerfällt.

Was mich zum nächsten Zitat, diesmal aus der Welt der Philosophie, bringt:

Das ist der ganze Jammer: Die Dummen sind so sicher und die Gescheiten so voller Zweifel.

Bertrand Russell hat das gesagt. Einer der größten Mathematiker und Philosophen des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig Friedensaktivist und Autor der „Philosophie des Abendlandes“. Ein Wälzer, der die gesamte Philosophiegeschichte abhandelt und das sozio-kulturelle Umfeld der jeweiligen Denker und Denkschulen mitbeleuchtet. Zweimal habe ich ihn bereits gelesen. Allerdings immer nur halb. Und leider zweimal nur die erste Hälfte. Aber das ist eine andere Baustelle …

Ich verwende sein Zitat also, um zu zeigen, dass ich durch meinen Zug, mit Urteilen zu zögern und mich zurückzuhalten, zu den Gescheiten zähle …

Nein, natürlich nicht.

Dennoch finde ich auch in diesem zweiten Zitat sehr viel Wahres. Denn es ist tatsächlich so, dass das abwägende und zögernde Antworten eines umfassend denkenden Menschen für die Masse weniger wert ist als das vorschnell-überzeugte Urteilen eines solchen, der unhinterfragten Grundsätzen folgt und aus diesen einfache Antworten ableitet.

Wirken tut der Laute mit den einfachen Botschaften.

In der Diskussion im Zugabteil. Am Stammtisch. Und letztendlich leider auch in der Politik.

Ja, der Satz „Das ist sehr komplex.“ kann eine Verlegenheitsantwort sein. Und so eine ist noch keine richtige Antwort.

Aber es ist nun einmal so, dass sich die Wahrheit fast nie ungeschminkt zeigt, auch wenn wir uns alle sehr danach sehnen.

Der intelligente Mensch weiß das, überlegt, wägt ab und prüft. Und er tut sich dadurch am Ende manchmal schwer mit einer einfachen Äußerung, die jeder versteht und der leicht gefolgt werden kann.
 

Fresse-Halten und introvertierte Naturen …

 
Natürlich will ich jetzt nicht alle, die viel reden, als dumm darstellen und solche wie mich als die, die alles kapiert hätten.

Ganz und gar nicht.

Auch mich begeistern Menschen, die viel reden, stets die richtigen Worte finden und rhetorisch begabt sind, solange auch etwas dahintersteckt und die Fakten stimmen.

Genauso finde ich Typen sympathisch, die in einer Gesellschaft sofort alle für sich gewinnen durch ihr Auftreten, ihren Schmäh und ihre Fähigkeit, Leute durch Geschichten oder das Präsentieren von Erfahrungen zu begeistern. Natürlich nur so lange sie nicht falsch und aufgesetzt rüberkommen.

Und oft schon habe ich mir gewünscht, diese Gabe auch zu besitzen. Und sie immer dann einzusetzen, wenn ich selbst einmal in Redelaune bin. Denn ja, die kann natürlich auch bei mir ab und zu zum Vorschein kommen.

Ich würde mich nur gerne – und das soll die Hauptaussage dieses Artikels sein – für ein wenig mehr Respekt und Anerkennung für jene ruhigen, introvertierten Naturen, die reflektieren, träumen oder einfach die Stille genießen, aussprechen.

Und für ein wenig weniger Bullshit und Mundstuhl.

Wahrscheinlich – und auch das steht im Gedankennomaden-Guide – sollte man weniger reden und mehr schreiben, denn:

Das Geschriebene ist reflektierter und zurückhaltender als das Gesprochene. Es drängt sich nicht auf und du kannst es weglegen, wenn es dich nervt. Mit Menschen funktioniert das weniger gut. Diese Sicht der Dinge erklärt wohl auch, warum ich jemand bin, der sich schriftlich gern mitteilt, im täglichen Leben aber am liebsten schweigt. Zu oft denke ich mir, dass meine Worte für andere nur nervigen Mundstuhl bedeuten. Mein Geschriebenes hingegen wird lediglich von denen konsumiert, die es auch konsumieren wollen. Damit komm ich viel besser klar.

Dieses dritte Zitat kommt von mir selbst und hat somit nicht annähernd das Gewicht der beiden weiter oben, die von Koryphäen der Literatur und der Philosophie stammen.

Wobei man sich bei der Beurteilung einer Aussage sowieso niemals bloß auf die Autorität dessen, der sie getätigt hat, stützen, sondern sie mit dem eigenen Verstande beurteilen sollte.
 

Zitat Nummer 4

 
So schieße ich zu guter Letzt in diesem Post der derben Wörter und tiefgründigen Zitate noch ein weiteres solches Zitat nach, das hier gut passt. Eines aus Michel de Montaignes „Essais“:

Gewöhnlich sehen die Menschen auf ihr Gegenüber, ich richte meinen Blick nach innen; dort bohrt er sich ein; dort hat er seine Freude. Jeder blickt vor sich, ich blicke in mich. Ich habe es nur mit mir zu tun; unaufhörlich beobachte ich mich, beaufsichtige ich mich, genieße ich mich. Die anderen gehen, genau genommen, immer woanders hin; sie gehen immer von sich fort: ‚Niemand macht ernsthaft den Versuch, in sein Inneres hinabzusteigen.‘ Ich dagegen wälze mich sozusagen in mir selbst.
(Montaigne 2016: 258)

Montaigne war einer der genauesten und kritischsten Beobachter der gesamten Geschichte. Er zerlegte seine Zeit, sein Umfeld und vor allem sich selbst bis ins kleinste Detail.

Und zu diesem Herrn Montaigne gibt es nächste Woche mehr …
 
 
 
Was hältst du vom Reden und vom Schweigen? Bist du eher intro- oder extrovertiert? Findest du es unfreundlich, wenn jemand in einer größeren Gruppe wenig bis gar nichts spricht? Wie wirken auf dich Menschen, die in einer Gesellschaft den Ton angeben? Schon mal etwas von Beckett oder Russell gelesen?

Hinterlasse einen Kommentar mit deinen Gedanken.
 
Fresse-Halten
Foto: Joshua Earle

Blogartikel veröffentlicht am 5.3.2017

Quelle: de Montaigne, Michel (2016): Essais. Stuttgart: Reclam.

2 Kommentare Schreib einen Kommentar

  1. Lieber Philipp,
    mal ein ganz anderer Artikel… gefällt mir gut!
    Und ich schliesse mich deiner Meinung an. Es wird viel zu viel dummes Zeug geredet. BlaBla wohin man auch hört… Einfach um irgendwas zu sagen und die Stille nicht „ertragen“ zu müssen.
    Beim Schreiben wirst du sicher auch viel mehr Wert auf die Wahrheit legen. Beim Reden quatschen wir einfach irgendwas… kann uns ja keiner nachweisen was wir gesagt haben ;-))))
    Für einen Samurai ist das gesprochene Wort bindend wie ein Vertrag!
    Wer diese Art des Sprechens übt, wird keinen Bullshit reden…. Und muss sich mit keinem Wort an irgendwelchen auslaugenden und mühsamen Gesprächen beteiligen.
    Und „Halt die Fresse“ sag ich oft zu meiner inneren Stimme, wenn sie nicht aufhört mir ihren Bullshit zu erzählen und mich verunsichert…
    Liebe Grüße
    Irene

    • Liebe Irene,
      Na das freut mich, dass ich mit der Meinung nicht alleine bin.
      Und auch, dass dir der diesmal etwas andere Artikel gefällt.
      Hatte zuerst Skrupel, da ich mir dachte, dass der ein oder andere Leser so einen Post, in dem ich in erster Linie eine persönliche Sichtweise an den Mann bringen möchte, übel aufstößt. Immerhin möchte ich ja vor allem über Literatur und Philosophie sowie das Lesen, Denken und Schreiben reden.
      Mit den Ausflügen zu Beckett und Russell sowie dem Verweis auf das „sympathische“ Schreiben habe ich aber hoffentlich auch für jene etwas geboten, denen meine Meinung am Allerwertesten vorbeigeht und in erster Linie wegen den Hauptinhalten des Blogs hier sind.
      Das mit den Samurais gefällt mir. Die wollte ich mir eh auch schon lange näher ansehen.
      Und ja, auch die innere Stimme kann manchmal ziemlich nerven. Ich sag zu ihrer dann hald nicht „Halt die Fresse!“ sondern „Gusch, Philipp!“. Kommt auch von „Gosche“. 😉
      Einen schönen Abend und bis bald …

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