3 meiner absoluten Lieblingsautobiografien

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“Die Welt von gestern”, “Das Leben und das Schreiben” und “Mein Leben”

 
Machen wir weiter mit der kleinen Serie meiner Favoriten verschiedener Genres …

Korrekter als “3 meiner absoluten Lieglingsautobiografien”, wäre es, von „liebsten autobiografischen Werken“ zu reden, denn Schriftstellerinnen und Schriftsteller neigen manchmal dazu, in einem Buch zwar eindeutig über IHR Leben zu erzählen, das Resultat danach aber nicht dezidiert als „Autobiografie“ zu bezeichnen.

Vielleicht ist es eine Art Selbstschutz, um bei negativen Reaktionen auf heikle Passagen im Nachhinein sagen zu können „Aber das ist ja gar nicht eins zu eins genau so passiert!“.

Oder aber es wird in der Zunft als künstlerisch höher empfunden, sein eigenes Leben nicht als journalistischen Bericht, sondern als literarisch wertvolle Erzählung wiederzugeben.

Wer weiß das schon so genau …

Die bewusste Geheimnistuerei und Inszenierung der Schriftstellerinnen und Schriftsteller gehört zur Literatur dazu und ist einer der Bestandteile, die sie so spannend machen.

100% autobiografisch oder nicht – im Folgenden geht es um drei Bücher, die vom Leben ihrer Autoren erzählen …
 

1. “Die Welt von gestern” von Stefan Zweig

 
Stefan Zweigs autobiografisches Werk ist ein großartiges Buch und unter den drei hier vorgestellten Juwelen sicherlich das, welches ich am ehesten ein zweites Mal lesen werde.

Zweig erzählt 1940, zwei Jahre vor dem Freitod mit seiner Frau im brasilianischen Exil, über sein Leben und vor allem über das „Leben“ Europas. Das Buch erschien posthum 1942.

Meine Mutter legte es mir mit den Worten „ein langsames aber sehr schönes Buch“ ans Herz.

Wobei ich „langsam“ nicht ganz unterschreiben kann, denn so langsam kann ein Buch nicht sein, welches den Zeitraum von fast 60 Jahren auf 400 Seiten zusammenfasst.

Was sie damit meinte, ist die Erzählweise von Zweig, der in diesem Buch nicht danach trachtet, die Geschehnisse besonders spannend zu inszenieren, sondern mehr aus dem Nähkästchen plaudert, seine Erinnerungen an gute vergangene Zeiten offenbart und sie vermischt mit Ausblicken in die Zukunft.

Bemerkenswert fand ich vor allem, wie er ganz am Anfang das Wien vor der Jahrhundertwende darstellt. Das Herz Österreichs ist damals Künstlerhauptstadt Europas, in der die Angelegenheiten am Burgtheater wichtiger sind als die politischen Neuigkeiten.

Ebenso eindringlich schildet Zweig sein frühes Faible für alle Art von Dichtung, seine Hochachtung gegenüber Rilke und anderen deutschen Meistern.

In vollen Zügen genoss ich auch, wie er seinen eigenen literarischen Werdegang beschrieb: Nie selbstverliebt, stets sympathisch.

Alles Passagen, die bei einem Leser, der noch nicht vom Literatur-Virus infiziert ist, höchstwahrscheinlich zu Langeweile führen würden, die mir jedoch enorm gut gefielen.

Die herrlich ruhige Zeit des friedlichen Wiens wird sodann aber beendet durch die beiden großen Kriege. Hier ist vor allem bedeutend, wie Zweig im Rückblick die Ereignisse kurz vor den beiden Kriegen und die Kriege selbst beschreibt. Er schien stets ein Gespür dafür gehabt zu haben, wenn die Luft nach einer neuen Katastrophe roch und kann dies auch extrem gut schriftlich wiedergeben.

Sehr gelungen, bildhaft und nachvollziehbar sind auch die Seiten über seine Aufenthalte in den anderen europäischen Großstädten (London, Berlin und Paris), wo er überall viel Zeit verbrachte und denen er allen etwas abgewinnen konnte in Sachen Lebensweise und Charakter.

Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. (*) ist sicher kein Buch für jedermann.

Aber ein Buch für mich und ein Muss für alle, die sich sowohl für Literatur als auch für Geschichte interessieren und darüber hinaus gerne Zeit in Wien verbringen.
 
[Hauptgoodie]

2. „Das Leben und das Schreiben” von Stephen King

 
Irgendetwas zwischen Autobiographie und Schreibschule und daher hochinteressant.

Hängen geblieben sind mir weniger seine Tipps für Schreiblehrlinge, da ich prinzipiell der Meinung bin, dass man gut schreiben nur bedingt lernen kann und jeder seinem Stil folgen anstatt irgendwo abkupfern soll.

Viel mehr waren es die Anekdoten aus seinem Leben, die Das Leben und das Schreiben: Memoiren (*) für mich besonders machten.

Stephen King, der erfolgreichste Horror-Autor aller Zeiten, beschreibt, wie er zu seiner Leidenschaft kam, dass er schon als kleiner Junge abgefahrene Horror- oder Science Fiction Geschichten schrieb, wie er Jahre lang an seinem Hobby festhielt und an der Armutsgrenze lebte, aber den Traum Schriftsteller nie aufgab.

Besonders gut gefiel mir jene Passage, in der er von der Nachricht erfährt, dass er gerade ein kleines Vermögen für sein erstes erfolgreiches Manuskript gemacht hat und so auf einmal der ganze Druck und das Leid der letzten Jahre von ihm abfallen.

Auch die Story von seiner Alkoholsucht habe ich nach wie vor vor Augen, welche er beschreibt, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen;
Wenn Bier im Kühlschrank war, wurde einfach so lange getrunken werden, bis keins mehr da war und befand sich dann noch etwas Mundwasser im Badezimmer, musste auch dieses am Ende dran glauben …

Auch sein Unfall, der ihn beinahe das Leben kostete, war ein wichtiger Wendepunkt in seinem Leben. Wie er glücklicherweise dem Tod entrann und wie ihm der Blick in dessen Augen für das restliche Leben veränderte, ist lesenswert.

Stephen Kings Werke wurden millionenfach verkauft und auch ich bin schon einmal seinem Zauber erlegen. So las ich sein siebenbändiges Science-Fiction-/Horror-/Fantasy-/Western-/…-Epos mit dem Namen „Der Dunkle Turm“. Übrigens das erste und bisher letzte Mal, dass ich mir solch ein Monstrum gab.

Auch wenn er natürlich nicht als Weltliterat zählt und wohl niemals in den Rahmen der ganz Großen aufgenommen werden wird, so haben seine Geschichten doch etwas Einzigartiges. Und vor allem scheinen ihm die Ideen nie auszugehen. Wahrscheinlich auch deswegen, weil er – wie er sagt – nie viel über das nachdenkt, was er schreibt, sondern einfach drauflosarbeitet.
 

3. „Mein Leben” von Marcel Reich-Ranicki

 
Der 2013 verstorbene, einflussreichste Kritiker der deutschen Literatur aller Zeiten erzählt sein Leben: Von der Kindheit über die Jugend in Berlin hin zum grausamen Warschauer Ghetto, von seiner Zeit beim polnischen Geheimdienst bis zum Aufstieg zum Literaturpapst in Deutschland.

Ja, man kann schon sagen, dass mich Reich-Ranicki mit allem, was er sagt, in den Bann zieht.

Bezüglich Kritik an Literatur hänge ich an seinen Lippen, wahrscheinlich weil ich unter meinen Freunden und Bekannten kaum solche habe, mit denen ich über deutsche Schriftsteller und deren Werke reden könnte, und es mir immer gefällt, eine entschiedene Meinung über diese zu hören.

Gerade entschieden, das sind Reich-Ranickis Kommentare immer. Meines Erachtens der Haupgrund, weshalb sein Wort stets so viel galt und Autoren-Karrieren beflügeln aber auch vernichten konnte.

(All das heißt natürlich NICHT, dass ich ihm immer recht gebe oder dass alles, was er sagte, richtig wäre!)

Auch in Mein Leben (*) interessierten mich vor allem die hinteren Kapitel, in denen er von Treffen mit den großen Schriftstellern berichtet, vom Platz der Literatur in seinem Leben, von der manchmal nicht leichten Arbeit des Kritikers.

Natürlich ist auch die erste Hälfte des Werkes spannend, enthält es doch wichtige Zeitzeugnisse des Nazideutschlands, in dem er aufwuchs.

Außergewöhnlich fand ich, dass Reich-Ranicki dort erzählt, dass er damals nie dezidiert diskriminiert wurde, nie direkt, weder von Klassenkameraden noch von Lehrern. Ebenso dass seine Mutter sich bis zum Ende nicht vorstellen konnte, dass die Deutschen tatsächlich einmal die Juden völlig auslöschen wollen würden.

Die Episode im Warschauer Ghetto ist wohl die dramatischste und traurigste im Buch.

Ich habe mich während dem Lesen mehrmals gefragt, wie sich ein Mensch, der so Schlimmes miterlebt hat, der die Deportation seiner eigenen Eltern mit ansehen musste und das Zusammenschrumpfen der Bewohner des Warschauer Ghettos auf immer wenigere, sich letzten Endes in etwas Künstliches wie die Literatur so intensiv verlieren konnte, dass er in der Diskussion oft vor Wut über die Unfähigkeit eines Autors schäumte und sich aufs gröbste mit dem ihm widersprechenden Diskussionspartnern anlegte.

Warum interessiert einen so etwas Abgehobenes wie die Literatur eigentlich noch, wenn man den Holocaust mit eigenen Augen mitangesehen und an eigener Haut miterlebt hat? (Okay, er war nicht in im KZ, trotzdem hat er mehr Schlimmes gesehen, als viele andere Überlebende des Zweiten Weltkrieges). Oder interessiert sie einen gerade deswegen, weil sie die beste Flucht vor der Realität sein kann?

Auch die Auseinandersetzung mit seiner großen Liebe, mit der er von deren 18. Lebensjahr bis zu ihrem Tod (zwei Jahre vor seinem) zusammenblieb, war interessant. Sie zieht sich als Nebenhandlung durch die ganze Autobiografie und auch die letzten beiden Seiten, der Schluss, sind ihr gewidmet. Auf eine sehr literarisch-schöne Form, wie ich finde. Ehrlich ist auch, dass er aus Affären keinen Hehl macht, sondern sie offen bespricht.

Insgesamt ist Reich-Ranicki damit eine große Autobiografie gelungen, die ständig zum Weiter-Lesen anregt, viel Zündstoff enthält und einem den Menschen Reich-Ranicki, der von den Deutschen beinahe getötet wurde, gleichzeitig aber die Deutsche Literatur immer mehr liebte als alles andere, näher bringt.
 
 
 
Kennst du diese drei autobiografischen Werke? Was ist deine Meinung zu ihnen? Welches spricht dich am meisten an? Hast du auch eine persönliche Autobiografie-Top-3?
 
Schreib mir deinen Gedanken oder Erfahrungen zum Thema in die Kommentare.
 
 
 
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Vielen Dank!
 
3 meiner absoluten Lieblingsautobiografien
 
Foto: Bernard Tuck

Blogartikel veröffentlicht am 14.2.2018
 
 
 
Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. (*)

Das Leben und das Schreiben: Memoiren (*)

Mein Leben (*)

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