Faszination Tennis und die Dominic Thiem Methode

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Günter Bresniks Tennis- und Lebensphilosophie …

 
Eigentlich wollte ich den Sport von meinem Blog fernhalten …

Wenn man elf Monate im Jahr Volleyball spielt, ein bis zweimal am Tag trainiert, zuhause zusätzliche Einheiten wie Mentaltraining oder Stretching einschiebt und mit den Kollegen in der Mannschaft in der Freizeit über Probleme im Team oder Ergebnisse in der Volleyball-Welt diskutiert, hat man nur bedingt Lust, die übrigen Stunden der Muße der Beschäftigung mit Sport zu widmen.

Falsch …

ICH habe nur bedingt Lust dazu, meinen ganzen Tag aktiv UND passiv mit Sport auszufüllen.

Sehr viele Kolleginnen und Kollegen ticken da anders, ziehen sich jedes Champions League Spiel im Internet rein, vergleichen Statistiken der verschiedenen Ligen, lesen Sportzeitschriften, diskutieren auf Facebook über Sport und spielen Fantasy-Football.

Ich sage das völlig wertfrei.

Auch weil ich selbst durchaus Tage habe, an denen zwischen zwei intensiven Trainings nicht viel Zeit bleibt neben Essen, dem nötigen Power-Nap und einer Einheit mit dem Physio, und man am Abend vor Erschöpfung nur noch auf der Couch rumlungern mag, um sich maximal im Fernsehen einen Kick anzusehen …

Im Normalfall ticke ich aber nicht so.

Das war auch ein Grund, weshalb ich mir ein Sport- oder ein Sportmanagement-Studium nie vorstellen konnte.

Ich will in meinen freien Stunden meinen Horizont an anderen Stellen erweitern;

Lieber Romane lesen anstatt NBA-Statistiken zu durchforsten.

Lieber eine Fremdsprache lernen anstatt auf der Play-Station FIFA zu spielen.

Lieber bis spät abends für ein philosophisches Fernstudium pauken anstatt aufzubleiben um ein American-Football-Spiel zu verfolgen.

Und ja, aus diesem Grund wollte ich auch nie über Volleyball oder Sport im allgemeinen bloggen.
 

Tennis – eine Hassliebe:

 
Nichts desto trotz, will ich das heute erstmals tun.

Ausschlaggebend war die Lektüre von Günter Bresniks „Die Dominic-Thiem-Methode. Erfolg gegen jede Regel“ (*).

Ein Buch, das ich innerhalb eines Tages verschlang und mir viel Stoff zum Nachdenken gab.

Über Sport als Lebensschule, über die Faszination Tennis, über das Trainer-Dasein und auch über meine sportliche Prägung in der Kindheit.

Doch eins nach dem anderen …
 

Tennis – eine Hassliebe:

 
Tennis war der erste Sport überhaupt, den ich praktizierte. Mit etwa fünf oder sechs Lenzen steckten mich meine Eltern in den ersten Kurs. So richtig warm wurde ich aber nicht mit dem Spiel. Die Trainer waren mir zu streng, die Schläger zu schwer, der Sand zu rot …

Ich ließ es sein und fand mit acht Jahren meine Liebe zum Volleyball.

Doch die gelbe Filzkugel kullerte zurück in mein Leben:

Mit zehn begann ich im Sommer erneut ein paar Bälle zu schlagen. Plötzlich traf ich das Feld, plötzlich machte es Spaß, plötzlich galt ich als Talent …

Zwei Jahre lang versuchte ich, Volleyball und Tennis unter einen Hut zu bringen.

Am Ende gewann der größere Ball das Duell gegen den kleineren und ich sollte zwischen meinem zwölften und achtundzwanzigsten Lebensjahr keinen Schläger mehr angreifen.

Der Grund? – Die Liebe zum Volleyball wurde größer, die Abneigung gegen das Tennis kam zurück.

Der Grund? – Im Volleyball war ich einer der besten, hatte Geborgenheit und Spaß im Team, im Tennis hingegen war ich alleine und scheiterte wieder und wieder an mir selbst …
 

Der schwierigste Sport?

 
Diese Diskussion kennt man ja unter Sportbegeisterten:

Welcher Sport ist der schwierigste?

Es gibt wohl keine korrekte Antwort auf diese Frage. Allein schon deshalb, weil des Menschen Talente unterschiedlich angelegt sind und für den einen Fußball, für den anderen Schwimmen „schwieriger“ ist. Darüber hinaus – und das ist noch viel ausschlaggebender – lassen sich Sportarten schwer miteinander vergleichen.

Dennoch: Höre ich die Frage nach dem schwierigsten Sport, schießt mir jedesmal sofort „Tennis“ in den Kopf.

Jeder, der mit diesem Sport nicht schon im Kindesalter begonnen hat, weiß, wie furchtbar schwer es ist, diese kleine, depperte, gelbe Filzkugel ein paar Mal über das eh so niedrige Netz und in den eh so großen Court zu spielen. Egal ob Rückhand oder Vorhand, egal ob mit Drall oder ohne.

Noch viel bewusster wird mir die Schwierigkeit dieses Spiels allerdings, wenn ich mir die Profis auf der ATP-Tour ansehe.

Diese Männer kämpfen das ganze Jahr über auf fünf Kontinenten und vier verschiedenen Belägen um die paar Plätze an der Sonne in einer absoluten Weltsportart, in der man sowieso nur gut werden kann, wenn man schon sehr früh als Kind beginnt, die besten Trainer hat und seine ganze Jugend für den Sport opfert.

Gut, für die Top 100 schaut auch gutes Geld raus, doch nur die wenigsten schaffen es in diesen elitären Kreis.

Der Modus der Tour ist hart. KO-System. Eine Niederlage und du bist raus. Koffer packen, Reise zum nächsten Turnier.

Dann der Speed! – Ich habe jahrelang Tennis im Fernsehen verfolgt. Als ich dann endlich einmal bei einem ATP-Turnier dabei sein konnte und in echt sah, mit welcher Geschwindigkeit sich Gael Monfils und Richard Gasquet die Bälle um die Ohren droschen, konnte ich meinen Augen nicht trauen.

Was mich aber am allermeisten fasziniert, ist die mentale Stärke der Protagonisten:

Ein Tennisspiel kann grausam sein.

Du spielst einen tollen ersten Satz, bringst ihn 6:1 nachhause, schlägst am Beginn des zweiten auf, verlierst dein Service, beginnst zu denken und triffst auf einmal gar nichts mehr. Was jeder Hobbyspieler kennt, sieht man auch bei den Profis immer wieder einmal …

Ein Kicker, der nichts zusammenbringt, wird vom Trainer ausgewechselt.

Ein Volleyball-Team, das vier Punkte in Serie kassiert, nimmt üblicherweise eine Auszeit, der Coach beruhigt das Team und gibt Input, um zurück ins Spiel zu finden.

Aber unser Tennisspieler, der seinen Flow verloren hat?

– Er streift weiterhin allein über den Platz, hat niemanden, um ein paar Worte zu wechseln (denn Coaching ist verboten) und muss sich ganz alleine aus seinem Loch herausholen.

Jeder Sportler weiß, wie hart es ist, wenn „es nicht mehr von selber geht“. In vielen Sportarten erlauben die Regeln Möglichkeiten, um aktiv einzugreifen, sei es durch Unterbrechungen oder durch Tipps vom Trainer. Im Tennis hingegen hilft dir keiner.

Im Tennis bist du allein.

Extrem allein …
 

Ein Tennisspiel kann grausam sein …

 
Das bekam auch ich als Junior zu spüren.

Mit elf/zwölf Jahren spielte ich ein paar Turniere.

Worauf ich nicht vorbereitet war: Die meisten meiner Gegner hatten schon vier/fünf Jahre mehr Turniererfahrung als ich, was sich darin äußerte, dass diese kleinen ehrgeizigen „Grätzn“ Meister der psychologischen Kriegsführung waren, mir Bälle, die klar auf der Linie waren, „Aus“ gaben (was ich korrektes Muttersöhnchen damals nie übers Herz gebracht hätte) und mich dabei auch noch verschmitzt angrinsten.

Die Kirsche auf der Torte: „Der Oasch am Zaun“, wie ich ihn heute rückblickend nenne. Jenes Exemplar eines getriebenen Spieler-Vaters (selten waren es auch Spieler-Mütter), das am Zaun stand, sein Kind pushte, Ballwechsel kommentierte, seinem Schützling beim Bescheißen des Gegners unter die Arme griff und dem manchmal sogar ein paar untergriffige Worte an meine Adresse auskamen.

Mir war das alles zu viel, ich fand damals keine Antworten auf diese Waffen, bekam auf Turnieren regelmäßig Weinkrämpfe und sah nur selten eine zweite Runde.

Während ich am Volleyballcourt dominierte, aufblühte und zu den besten gehörte, mutierte ich am Tennisplatz zu einem Häufchen Elend und am meisten freuten sich wohl meine Eltern, als ich mit zwölf mein letztes Racket zerbrach (denn zwischen Weinkrämpfe mischten sich auch Amokläufe) und meinem kleinen Kinderherz diese emotionalen Strapazen nicht mehr antun wollte …
 

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Roger Federer – The GOAT

 
Und doch kam Tennis ein zweites Mal zurück zu mir.

Als Roger Federer 2004 begann seine Kollegen beliebig auseinanderzunehmen, beeindruckte mich dies mehr als alle anderen sportlichen Leistungen.

Ich erlebte viele seiner Grand-Slam-Siege vor dem Fernseher mit, war angetan von seiner Eleganz am Court, der Leichtigkeit, mit der er spielte, der Dominanz, mit der er agierte und der Fairness, die er ständig an den Tag legte.

Man musste ihn einfach lieben.

Und so liebte ich ihn und wollte, dass er ALLES gewinnt und alle Rekorde bricht.

Dass er der beste aller Zeiten wird.

Ich denke, es gibt einem Sportfan eine gewisse Befriedigung, wenn man den größten Star der Geschichte in einer Disziplin „begleiten“ darf.

Federer war auf dem Weg dorthin. Keiner konnte ihm das Wasser reichen. Die ersten Rekorde fielen.

Und dann …
 

Rafael Nadal – Das Tier

 
… dann kam diese spanische Kampfsau daher.

Auf Sand spielte sie mit Federer Katz und Maus und nur ganz selten setzte sich Federer auf Nadals Lieblingsbelag durch.

„Er wird auf anderen Belägen nie was gewinnen!“, hieß es anfangs über Rafa.

Doch der besessene Spanier sollte sein Spiel weiterentwickeln, kam Federer auch auf Rasen und Hartplatz näher und besiegte ihn schließlich im Finale von Wimbledon und Melbourne.

Ich hasste dieses getriebene Muskelpaket.

Ich hasste ihn dafür, dass er meinem Roger Paroli bieten konnte.

Dass er ihm die Rekorde versaute.

Dass plötzlich nicht mehr sicher war, dass Roger der größte der Geschichte werden würde.

Und die bitteren Finalniederlagen gegen Rafa, der enttäuschte Federer bei den Siegerehrungen, die Tränen beim Interview … all das brach mir das Herz.
 

Tennis – mein Sport

 
Nein, MEIN Sport ist Volleyball.

Aber Tennis ist ganz klar jener Sport, den ich am genauesten verfolge, den ich am liebsten schaue und der mich am meisten fasziniert und bewegt. Obwohl ich es kaum beherrsche (ich habe vor anderthalb Jahren erst wieder ein bisschen damit begonnen) und bei weitem kein Experte bin.

Doch ich liebe es, mir auf Youtube Highlights von McEnroe, Sampras oder Federer anzusehen, Rekorde nachzuschlagen oder große Begegnungen zu verfolgen (schaffe ich leider nur äußerst selten!).

Und ich habe nach wie vor schwitzige Hände bei jeder einzelnen Grand-Slam-Partie von Roger, da ich hoffe, dass er seinen Slam-Rekord noch so weit ausbaut, dass diesen nie wieder jemand brechen kann.

(Im übrigen finde ich mittlerweile auch Nadal toll. Ein unglaublicher Champion. Genau so fair wie ein Federer. Und der größte Fighter überhaupt. Gäbe es keinen Roger, wäre ER wohl der beste aller Zeiten.)
 

Faszination Tennis und die Dominic Thiem Methode

 
Genug zu meiner komplizierten Liaison mit dem Tennis-Sport.

Günter Bresniks Buch sollte hier eigentlich im Vordergrund stehen.

Nur selten greife ich – wie gesagt – zu Büchern über Sport. Obwohl einige von diesen großen Eindruck bei mir hinterließen (z.B. Agassis „Open“ oder “Phil Jacksons “Sacred Hoops””).

Bresniks „Die Dominic Thiem Methode“ gab ich mir als Auflockerung, nachdem ich mich die drei Monate davor durch einen fetten Schmöker gekämpft hatte, der mir viel abverlangte.

Ich erwartete nicht viel, fand letztendlich aber mehr, als ich dachte.
 

Bresnik im Mittelpunkt

 
Der Titel des Buches trügt. Im Mittelpunkt steht Günter Bresnik: Sein Werdegang zum Coach, seine ersten Schützlinge und schließlich die Arbeit mit Dominic Thiem.

Was ganz klar rüberkommt: Bresniks grenzenlose Leidenschaft für diesen Sport. Als Sohn einer Ärztefamilie schien sein Weg vorgezeichnet. Er sollte und WOLLTE Arzt werden. Die Arbeit am Court machte ihm allerdings so viel Spaß, dass er sein Studium nach acht erfolgreichen Semestern hinschmiss, um mit Horst Skoff, dem damaligen österreichischen Enfant Terrible der Tennis-Szene, auf die ATP-Tour zu gehen und erste große Erfolge zu feiern.

Besonders spannend fand ich die Beschreibungen der Fähigkeiten und Besonderheiten seiner Schützlinge;

Über Horst Skoff, der ihm die Türen ins große Business öffnete:

Skoffie war der Typ, der das Training immer dann schleifen ließ, wenn er sich in Sicherheit wähnte – aber dafür wieder wochenlang über sein Limit ging, wenn es eng wurde. In diesen Phasen konnte er brutal zu sich sein, da arbeitete er sogar noch härter als Tom [Muster, P.K.]. Aber wenn er den Rückstand mit irrer Anstrengung aufgeholt hatte, scheiterte er wieder an der vermeintlich leichteren Aufgabe, tagtäglich im Training konzentriert genug zu arbeiten, um wenigstens das Niveau zu halten.
(Bresnik 2016: 69f)

Über Boris Becker, den er zurück in die Weltspitze brachte:

Eine schwer greifbare Fähigkeit, die offenbar einer handverlesenen Gruppe von Ausnahmekönnern vorbehalten war: Boris konnte Leistungen erbringen, die er aufgrund seiner aktuellen Fähigkeiten eigentlich nicht erbringen hätte können […] Ich entdeckte damals, dass sich Spieler dieser Liga offenbar Zugriff auf Reserven ihres Körpers und Geistes verschaffen können, der eigentlich lebensbedrohenden Situationen vorbehalten ist; man kennt die Geschichten von Müttern, die mit bloßen Händen ein Auto anheben können, unter dem ihr Kind feststeckt. Boris konnte das. Boris konnte viele Dinge dieser Art. Eine besondere Fähigkeit hatte er darin entwickelt, Unzulänglichkeiten beiseite zu negieren. Er ignorierte sie einfach so lange und so konsequent, bis sie nicht mehr da waren. Er konnte schlecht spielen und in den wichtigen Situationen Winner schlagen. Und er konnte umgekehrt Ziele anvisieren, die unerreichbar schienen, so lange, bis er sie erreicht hatte.
(Bresnik 2016: 106ff)

Über Stefan Koubek, der erst mit 18 zu ihm gekommen war „mit nichts als einer Rückhand und seinem motorischen Genie“ (Bresnik 2016: 118), den er aber dennoch in die Top 20 führte:

Bei Stefan fühlte man sich nie geborgen. Egal gegen welchen Gegner, bei welchem Turnier, bei
welchem Spielstand: Der nächste Ball konnte genauso gut Punkt des Monats werden oder ein unkontrollierter Querschläger. Er stand schon tief in den ersten 50, da rief mich Stefan immer noch von irgendwo in der Welt verzweifelt an und sagte:
„Günter, ich treff keinen Aufschlag.“
„Günter, ich hab keine Ahnung, wie ich eine Vorhand ins Feld spielen soll.“
Er hatte den Schlag „verloren“, wie man sagt. Er kam nach Wien, wir schoben eine Einheit ein, die musste oft nur zwei, drei Stunden dauern, wir drehten an ein paar Rädchen, und er hatte, wie er sagte, „den Touch“ wieder.
Erst spät in seiner Karriere sagte er einmal zu mir: „Günter, jetzt verlier ich die Schläge nicht mehr.“
Nur dieser eine Satz, fünf Jahre früher gesagt, und er wäre in den Top Ten gestanden. Das garantiere ich.
(Bresnik 2016: 132)

Das “Projekt” Dominic Thiem

 
Im Mittelpunkt steht aber natürlich sein aktueller und erfolgreichster Schützling Dominic Thiem, der einzige Spieler, den er bereits als Kind betreute, der heute in den Top 10 steht und seinen Zenit noch nicht erreicht hat.

Bresnik beschreibt in seinem Buch, wie Thiem als 10-Jähriger bereits als nächster Thomas Muster gepriesen wurde. Er gewann alles in seiner Altersklasse. Doch mit dem WIE konnte sich Bresnik nicht zufrieden geben. Thiem war ein Dauerläufer und Schupferkönig. Er zermürbte seine Gegner, indem er alles zurückbrachte und auf den Fehler wartete.

Bresnik wusste, dass er locker weiter der Beste in seinem Alter sein würde über die nächsten Jahre hiweg. Bis zu dem Punkt, an dem diese Spielart nicht mehr reichen und er gegen die heutigen Power-Tennis-Spielern auf der Tour untergehen würde.

Der Entschluss war klar: Dominic musste beginnen, auf jeden Ball draufzugehen. Er musste lernen Punkte zu machen und nicht nur Fehler zu vermeiden. Und er musste lernen, Aggressivität zu zeigen und auszustrahlen. Er musste lernen, nur abseits des Courts der korrekte und gut erzogene Junge zu sein, der er war.

Was folgte, war für alle Beteiligten schrecklich.

Er verlor und verlor und verlor.

Er verlor gegen Spieler, die er davor dominiert hatte. Er verlor gegen Spieler, die er mit den alten Waffen hätte schlagen können.

Jahrelang musste Thiem mit der Frustration aus diesen Niederlagen leben. Das Lachen seiner Altersgenossen ertragen. Die schüttelnden Köpfe der Jugendtrainer ignorieren.

Aus dem Rising Star wurde ein bemitleidenswerter Verlierer, der sich in den Händen eines vermeintlich wahnsinnig gewordenen Trainers verloren hatte.

Thiem selbst berichtet über diese Zeit: „Die Leute hielten Günter für verrückt oder für grausam oder irgendwas dazwischen. Aber ich vertraute ihm, meine Eltern vertrauten ihm. Und ich schoss die Bälle weiterhin kreuz und quer durch die Gegend.“ (Bresnik 2016: 17)

Bresnik wollte ihn Winner schlagen sehen. Bresnik wollte ihn das Spiel an sich reißen sehen. Und wenn er das tat, aber trotzdem verlor, war es gut. Wenn er hingegen – wie früher – mit Angsthasentennis gewann, war es schlecht.

Mit etwa 16 begannen die Veränderungen zu greifen. Dominic Thiem kam zurück auf die Siegerstraße, arbeitete sich kontinuierlich hoch und steht heute mit 24 bereits seit gut zwei Jahren solide in den Top 10 der Welt.
 

Familie und Frühförderung

 
Großen Platz gibt Bresnik in seinem Buch dem Lob der Familie Thiem, die voll und ganz hinter Dominics Karriere stand. Er kann nicht oft genug betonen, wie bedeutend dieser Rückhalt für Dominic aber auch für ihn selbst war und dass ohne die Einstellung der Eltern die große Karriere ihres Sohnes nicht möglich gewesen wäre.

Immer wieder finden sich kleinere Seitenhiebe in Richtung österreichisches Tennisausbildungskonzept sowie ein Unterstreichen der nicht hoch genug anzuerkennenden Leistung von Thiems Eltern, die einen anderen Weg gingen:

Gestatten Sie mir hier bitte einen kurzen Einschub, der sich an alle Eltern und alle Trainer junger Spielerinnen und Spieler richtet: Glauben Sie mir, in der frühen Jugend zählt nichts anderes als die Entwicklung eines Spielers, der Erwerb von Fähigkeiten, die auch bei Erwachsenen zum Erfolg führen können. Wer international auch nur die geringste Chance auf professionellen Erfolg haben möchte, muss bis zum 16. Lebensjahr ausschließlich auf die langfristige Entwicklung achten.
Es ist ein fundamentaler Fehler unseres Ausbildungssystems, dass Jugendliche aufgrund von vergangenen Ergebnissen gefördert werden, nicht aufgrund ihrer Aussichten, in Zukunft gute Ergebnisse zu erzielen.
Ich weiß, was ich von Ihnen verlange, ist nicht einfach. Aber es gibt keinen anderen Weg. Ich raufe mir die Haare, wenn Eltern absurde Anstrengungen unternehmen, ihren Kindern zu Ranglistenpunkten zu verhelfen; da werden aufwändige Reisen zu weit entfernten Turnieren unternommen, nur weil dort schwächere Gegner erhofft werden – auf Kosten wertvoller Trainingszeit zu Hause mit einem gut ausgebildeten Trainer, auf Kosten der sportlichen Zukunft junger Spielerinnen und Spieler.
(Bresnik 2016: 188)

“Urvertrauen” …

 
Wenn sich ein Wort des Buches besonders in mein Gedächtnis eingeprägt hat, dann war dies jenes des sogenannten „Urvertrauens“;

Ein Wort, das ich sehr häufig verwende, wenn es um den Grund für Dominics Stärke geht, ist Urvertrauen. Das ist ein psychologischer Fachbegriff, der ein Grundgefühl des Vertrauens in die Welt und in sich selbst bezeichnet, erworben in frühester Kindheit durch das Aufwachsen in Sicherheit und Geborgenheit.
Dominic wuchs so auf, ich wuchs so auf. Dafür können wir nichts, für diesen unermesslich großen Rückhalt, der uns unser ganzes Leben begleiten wird, müssen wir unseren Eltern dankbar sein.
(Bresnik 2016: 37f)

Auch ich wuchs so auf. Und auch ich bin meinen Eltern unendlich dankbar dafür.

Es ist so richtig, was Bresnik hier sagt.

Erst unlängst wurde ich wieder einmal danach gefragt, wie ich das schaffe, fast jedes Jahr den Wohnort oder sogar das Land zu wechseln, wieder neu anzufangen, ständig weit weg von Familie und den besten Freunden und ob ich mich dabei nicht oft einsam fühle.

– Nein, fühle ich mich nicht!

Und ich denke, der Grund dafür ist dieses Urvertrauen, die Gelassenheit, die eine Person, die in einem warmen Nest aufgewachsen ist und weiß, dass sie ein paar Menschen hat, die immer und zu jeder Zeit hinter ihr stehen werden, mit sich bringt auf ihrer Reise durch die Welt.

Eine Gutschrift, wenn man so will, die nicht jedem gegeben ist.

Horst Skoff, so Bresnik in seinem Buch, fehlte dieses Privileg. Und Skoffs freier Fall nach dem Karriereende, gipfelnd in seinem Tod im Krankenhaus, zwei Tage nachdem er in einem Hamburger Hinterhof brutal zusammengeschlagen aufgefunden worden war, interpretiert Bresnik – so habe ich es verstanden – als ebenfalls im Zusammenhang mit fehlendem Urvertrauen stehend.
 

Mein Karriereende

 
Heute wäre ich öfter lieber ein Tennisspieler und kein Volleyball-Libero.

Wenn ich hier in Rumänien nach einem weniger aufregenden Training mit wenig Ballkontakten aus der Halle schlürfe und draußen ein paar Kids auf den Tennisplätzen Bälle hin- und herspielen sehe, wünsche ich mir oft, selbst noch eine Stunde die Filzkugel über das Netz zu dreschen, die Grundlinie nach links und nach rechts abzulaufen und am Ende komplett zerstört nachhause zu gehen …

Ein Tennisspieler muss komplett sein. Und um diese Perfektion zu erreichen, muss er stundenlang die gleichen Schläge üben. Vorhand, Rückhand, Volley, Slice, Aufschlag, … Auch darüber schreibt Bresnik. Auch das geht mir im Volleyball ab. Einerseits sind die verschiedenen Positionen sehr spezialisiert, andererseits unterschätzen meiner Meinung nach viele Trainer die Wichtigkeit der Wiederholungen. So im Sinne von “Wenn ein Spieler an sich glaubt und eine Bewegung kann, dann braucht er sie nicht mehr groß trainieren, sondern einfach nur Selbstvertrauen!”.

Ja, dieses Auspowern und diese große Anzahl an Ballkontakten sind zwei weitere Charakteristika dieses Sports, der ihn so anziehend für mich macht und der mir beim Volleyball manchmal fehlt.

Auch das Mentale, das ich als Kind nicht genügend mitbrachte, habe ich mir mittlerweile im Profigeschäft angeeignet, ja, diese Spielchen und Mätzchen machen mir sogar (im Volleyball aber auch ganz prinzipiell) – je älter ich werde – immer mehr Spaß, muss ich gestehen.

Ich denke, ich werde die Volleyballschuhe bald an den Nagel hängen und mich ein drittes Mal im Tennis versuchen.
 

Tennis und Leistungssport als Lebensschule

 
Blödsinn!

Für eine Tenniskarriere ist es natürlich schon zu spät und – auch wenn dies im letzten Absatz vielleicht nicht so klingen mochte – ich liebe meinen Sport nach wie vor sehr, zur Zeit sogar mehr als vor zwei, drei Jahren und werde sicherlich noch ein bisschen weitermachen!

Günter Bresnik mag von außen betrachtet ein nicht all zu sympathischer Kerl sein.

Sein Buch hilft aber in jedem Fall dabei, ihn besser zu verstehen.

Er ist ein Tennis-Verrückter mit manchmal etwas eigensinnigen Methoden (das gesteht er selbst), der für den Sport und seine Schützlinge lebt und den Profi-Zirkus als perfekte Lebensschule sieht.

Den Einband des Buches ziert Bresniks Zitat „Tennis auf professionellem Niveau ist die freieste Marktwirtschaft, die man sich vorstellen kann. Einer kommt weiter, einer ist raus. Purer Darwinismus. Faszinierend. Und die beste Lebensschule, die ich mir vorstellen kann.“

Typische Bresnik-Sätze. Trocken, hart, auf den Punkt gebracht.

Dennoch ist dieser Mensch kein Felsbrocken ohne Gefühle.

Aber er nimmt seinen Job zu hundert Prozent ernst.

Das zeichnet ihn aus, das brachte ihm Erfolg, das fasziniert ihn – einen sehr intelligenten Menschen (und Literaturliebhaber ganz nebenbei!) – am primitivem Kampf Mann gegen Mann.

Das Buch hat mir viel Neues über das Tennis gelernt und über das Trainer-Sein, das ich nun um einiges anziehender finde. (In “Das ist ein Volleyballbuch” war mir dieser Job noch weniger sympathisch.)

Es ist aber nicht nur ein Werk für Sportler sondern prinzipiell für Menschen, die im Leben Erfolg haben wollen.

Günter Bresniks Werte, die er im Buch vermittelt, können Grundbausteine für Karrieren in den verschiedensten Bereichen sein.

(Und für alle, die nach diesem langen Artikel immer noch nicht genug haben, gibt es hier einen zehnminütigen Beitrag eines Trainingstages von Bresnik und Thiem.)
 
 
 
Bist auch du vom Tennis fasziniert? Was hältst du von Günter Bresnik und seinen Methoden? Welcher ist dein Lieblingssport und welchen Sport findest du “am schwersten”? Kannst du mit dem Begriff des “Urvertrauens” etwas anfangen? Soll ich hier am Gedankennomaden in Zukunft öfter Ausflüge in die Welt des Sports machen?

Hinterlasse mir doch bitte deine Gedanken in den Kommentaren. Ich bin sehr gespannt auf sie!
 
 
 
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Vielen Dank!
 
Faszination Tennis und die Dominic Thiem Methode
 
Foto: Josh Calabrese
 
Blogartikel veröffentlicht am: 13.03.2017
 
Quelle: Bresnik, Günter (2016): Die Dominic Thiem Methode. Erfolg gegen jede Regel. Wien: Seifert.
 
 
 
Die Dominic-Thiem-Methode. Erfolg gegen jede Regel (*)
 
 

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