Flow und Sport

George Mumfords „The Mindful Athlete“

In meiner zweiten Saison in Frankreich passierte nach einem Vorbereitungsspiel etwas für mich bisher Einzigartiges:

Der Libero des gegnerischen Teams kam nach der Partie auf mich zu, klopfte mir auf die Schultern und sagte: „Man, you are a fucking great libero! I really like how you play the game!“

Mit dem direkten Loben haben wir Männer es ja nicht so. Einen Gegner zu preisen ist noch schwieriger. Und denjenigen der Jungs auf der anderen Seite zu loben, der auf der gleichen Position wie du versucht der allerbeste zu sein, kommt praktisch gar nicht vor. – Oder zumindest nicht auf diese direkte und ehrliche Weise, wie ich es damals erlebte.

Dustin Watten

So nennt sich das seltene Exemplar eines Volleyballprofis, von dem in der Anekdote die Rede ist.

Dustin ist Libero im amerikanischen Nationalteam und zeigt seit Jahren großartige Leistungen in den besten Ligen der Welt.

Nachdem wir uns beide also in Frankreich in der Vorbereitung kennengelernt hatten, tauschten wir uns regelmäßig über Facebook aus, diskutierten über gesunde Ernährung, über technische Feinheiten auf der Libero-Position und über die mentalen Tücken des Volleyballspiels. Er ist wie ich ein Verrückter, wenn es darum geht, das eigene Spiel weiter zu verbessern, was ich von Anfang an extrem spannend und sympathisch fand.

Heute – vier Jahre später – lässt Dustin Tausende von Followern auf Instagram an diesen und vielen anderen Themen teilhaben.

Durch Dustin kam ich auch auf das Buch The Mindful Athlete: Secrets to Pure Performance (*), das ich dir im Folgenden näher bringen möchte.

Mindfulness

George Mumford musste seinen Traum Profi-Basketballer zu werden auf Grund von Verletzungen früh aufgeben. Am Anfang des Buches beschreibt er sehr bildhaft, wie schwierig diese Erfahrung für ihn war, und wie sie ihn in den Medikamenten- und Drogenmissbrauch führte. (Hier ein sehenswertes dreiminütiges Video über ihn!)

Sein Ausweg war die viel zitierte „Mindfulness“, die man am besten mit „Achtsamkeit“ übersetzt.

Das Kultivieren von Mindfulness war nicht nur für Mumford die Medizin, die er brauchte, um auf den richtigen Weg zurückzukommen, sondern gleichzeitig für Superstars wie Michael Jordan oder Kobe Bryant der Schlüssel zum ultimativen Erfolg am Spielfeld.

Flow und Sport

Doch was ist nun diese Mindfulness genau? In Mumfords Buch ist nicht nur dieser Begriff allgegenwärtig sondern ebenso die Worte „Flow“ und „The Zone“.

Vor allem Leistungssportler kennen den Flow, kennen die „Zone“, in die sie manchmal hineinrutschen während eines Spiels. Ein fast magischer Ort in dem alles von allein passiert. An dem keine Anspannung ist, kein Nachdenken, kein Kämpfen. Alles geschieht automatisch, alles funktioniert. Raum und Zeit fühlen sich verändert an. Der Ball bewegt sich langsamer als sonst, die lärmenden Fans nimmt man kaum noch wahr und die schwierigsten Aufgaben lösen sich mit unangestrengter Selbstverständlichkeit.

Dieser Flow – der natürlich auch beim Künstler oder beim normalen Arbeiter vorkommt – ist das Ziel, ist der Punkt, den wir erreichen wollen. Und gelingen kann uns das über das Training von Mindfulness, über das Training von Achtsamkeit. Je besser wir fähig sind, diesen Zustand der Achtsamkeit herzustellen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir ihn auch während eines wichtigen Spiels erreichen. Dies ist die Bottom Line von Mumfords Buch.

Meditation

Das Kultivieren von Mindfulness geschieht nun über Meditation, über das Beobachten des Atems und das Zurückkehren in den Moment.

Mumfords Buch ist eine Ansammlung von Verweisen auf wichtige andere Schriften im Bereich der Sportpsychologie, des Flow-Phänomens und der (buddhistischen) Meditation und liest sich gepaart mit der Ehrlichkeit des Autors hinsichtlich seiner Vergangenheit und der spürbaren Überzeugung von der Wirksamkeit seines Programms sehr leicht.

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Was hängen blieb …

„The Mindful Athlete“ ist in erster Linie ein inspirierendes Buch, vor allem wenn man etwas für Meditation und den ganzheitlichen Zugang zum Sport übrig hat, den Sport als Persönlichkeitsschmiede betrachtet und die Lektionen darin als Lehre für das Leben sehen kann. Es ist kein Lehrbuch in dem Sinne, dass man hier eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zur High-Performance findet, was sicherlich einige Leser stören mag.

Zwei Botschaften waren für mich besonders wichtig:

„Think about the eye of a hurricane, or the calm still center in the middle of a cyclone. No matter how intense the storm or what’s swept up in it gale-force winds, that calm, blue center is always there … We all have this quiet center within us.“

Mumford, The Mindful Athlete, 75

Dieses „Auge des Hurrikans“ müssen wir kultivieren, es zu einem Ort machen, dessen wir uns immer bewusst sind, von dem aus wir in Ruhe handeln können, egal wie groß das Chaos um uns ist. Diesen Platz zwischen Stimulus und Reaktion können wir weiten durch das Training von Mindfulness. Ein Bild, das mir sehr gut gefällt und das ich mir seit der Lektüre oft in Erinnerung rufe, wenn ich Stress oder Ärger fühle.

„The central question of a warrior’s training is not how we avoid uncertainty and fear but how we relate do discomfort!“

Mumford, The Mindful Athlete, 199

Dem Verlassen der Komfortzone um zu wachsen schenkt Mumford wiederholt Aufmerksamkeit. Nur durch ungemütliche, herausfordernde Situationen können wir uns entwickeln. Hier an dieser Stelle liegt die Essenz aber darin, dass wir viel zu oft mit dem Gedanken im Kopf trainieren, so gut werden zu wollen, dass wir nie wieder einen schlechten Tag haben, dass wir nie wieder mit Problemen im Spiel konfrontiert werden. Abgesehen davon, dass dies noch kein Sportler dieser Welt jemals geschafft hat, ist es schlicht und einfach falsch so zu denken. Hingegen sollte man gerade das Unvoraussehbare umarmen und wertschätzen, denn dies ist es, was die Herausforderung so spannend macht!

Der ausgeglichene Athlet

Ich war nie ein Fan von Trainern, die vor einem Spiel von Krieg, einer Schlacht oder ähnlichem Blödsinn sprachen. Genau so wenig verstehe ich Spieler, die ein Feindbild auf der anderen Seite des Netzes brauchen, um sich zu motivieren und zu Höchstleistungen aufzulaufen. Vor allem kenne ich viele, die meinen, dass ihnen diese Wut helfen würde, sie am Ende aber dann genau an dieser scheitern.

Ich persönlich brauchte diese künstlich erzeugte externe Motivation nie. Die Faszination lag für mich immer darin, als Spieler und als Team besser zu werden, den Flow-Status zu erreichen, die Schönheit meines Sports zu genießen, sowie all die Herausforderungen, die einem auf verschiedensten Ebenen begegnen, zu meistern und gestärkt aus ihnen hervorzugehen. Gerade diese Herangehensweise ist wohl Grund dafür, weshalb meine Ideen so gut mit denen von George Mumford harmonieren.

Mehr will ich diesmal gar nicht verraten und vorwegnehmen. Hol dir „The Mindful Athlete“. Auch dann, wenn du kein Leistungssportler bist!

Was hältst du von Mindfulness und Achtsamkeit? Hattest du bereits Flow-Erlebnisse? Wie stellst du sie her und wie bleibst du in ihnen? Würdest du gern noch mehr zum Thema Flow erfahren? Hinterlasse mir deine Erfahrungen in den Kommentaren!

Willst du den „The Mindful Athlete“ nun selber lesen, dann wäre ich dir sehr dankbar, wenn du dir das Buch über den gekennzeichneten (*) Amazon-Affiliate-Link am Ende dieses Beitrags holst. Der Preis bleibt der gleiche für dich, während ich eine kleine Provision (im Cent-Bereich) für meine Arbeit am Gedankennomanden bekomme.

Vielen Dank!

Flow und Sport mit George Mumford und dem "Mindful Athlete"

Foto: Tikkho Maciel

Blogartikel veröffentlicht am 5.5.2019

Quelle: Mumford, George (2016): The Mindful Athlete. Secrets to pure Performance. Berkeley: Parallax.

The Mindful Athlete: Secrets to Pure Performance (*)

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