Milan Kunderas “Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins”

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Über süße Schwere und unerträgliche Leichtigkeit …

 
Gibt es einen anziehenderen Namen als Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (*) für ein Buch?

– Ich denke nicht.

Allein dafür muss man Milan Kundera bereits gratulieren.

Viele haben wohl nur wegen dem Titel zu diesem Werk gegriffen.

– So auch ich.

Diese „unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ bekommt Sabina, ein Nebencharakter in Kunderas Geschichte, zu spüren.

Sie lebt sich so lange von Verrat zu Verrat (an den Eltern, der Heimat, den Liebhabern, …), bis sie endlich von allen Bindungen gelöst leicht durch die Welt gehen kann …

Durch die Welt gehen KÖNNTE.

Denn letzten Endes lastet diese Leichtigkeit doch wieder unerträglich schwer auf ihr.
 

Tomas und Teresa

 
Im Mittelpunkt der Story stehen jedoch Tomas und Teresa.

Tomas ist ein erfolgreicher Chirurg in Prag, der Teresa durch mehrere glückliche Zufälle kennenlernte. Sie kam ohne Vorwarnung in sein Leben hereingeschneit und bis zum Ende der Liebesgeschichte scheint ihm dieses plötzliche Auftauchen und was daraus entstand zu verblüffen, ja fast zu irritieren.

Das Problem der Beziehung: Tomas Seitensprünge und Affären (die oben bereits vorgestellte „Sabina“ ist die prominenteste davon), die er nicht gut genug vor Teresa geheim hält, oft – so scheint es – nicht einmal geheim halten WILL.

Für ihn haben seine sexuellen Abenteuer nichts mit Liebe zu tun. Sie sind Spielereien, Koketterie, Zeitvertreib und gleichzeitig irgendwie auch Lebenselixier.

Er sieht, wie Teresa leidet, wie sie kämpft, wie sie träumt von seiner Untreue.

Und wie sie ihm dennoch immer wieder verzeiht …
 

Philosophische Untermalung

 
Das Buch beginnt mit dem Absatz:

Die Ewige Wiederkehr ist ein geheimnisvoller Gedanke, und Nietzsche hat damit manchen Philosophen in Verlegenheit gebracht: alles wird sich irgendwann wiederholen, wie man es schon einmal erlebt hat, und auch diese Wiederholung wird sich unendlich wiederholen!
(Kundera 2013: 7)
Kunderas Roman über einen Mann und eine Frau mit unterschiedlichen Vorstellungen des Zusammenlebens ist untermalt mit philosophischen Ausflügen und Anspielungen, welche der verschlungenen Liebesgeschichte Tiefgang verleihen.

Der Autor schafft dadurch das, was für mich großartige Literatur auszeichnet: Die Kombination von Unterhaltung UND Intellekt.
 

Liebe und Kommunismus …

 
… sind wohl die zwei Hauptinhalte des Buches.

Die Liebe zwischen Tomas und Teresa mit all ihren Problemen einerseits, die Verarbeitung des kommunistischen Traumas andererseits.

Kundera ist Tscheche und musste am eigenen Leib miterleben, was es heißt, seine Heimat an den russischen Stalinismus zu verlieren.

Die Roman-Episoden über den Prager Frühling, die Beschattungen und die Zensur sind zwar nur Nebenschauplätze, sorgen aber für eine erfrischend-spannendene politische Einbettung der Liebesgeschichte.

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Eine raffinierte Verteidigung der männlichen Polygamie

 
Der Kern des Buches ist aber Tomas Balance-Akt zwischen der Liebe zu Teresa und seinen Affären.

In der Mitte der Geschichte sinniert der Erzähler über die zwei Kategorien von „Frauenjägern“. Dort heißt es:

Männer, die einer Vielzahl von Frauen nachjagen, lassen sich leicht in zwei Kategorien einteilen. Die einen suchen in allen Frauen ihren eigenen, subjektiven und stets gleichen Traum von der Frau. Die anderen werden vom Verlangen getrieben, sich der unendlichen Buntheit der objektiven weiblichen Welt zu bemächtigen.
Die Besessenheit der einen ist lyrisch: sie suchen in den Frauen sich selbst, ihr Ideal, und sind immer von neuem enttäuscht, denn ein Ideal ist bekanntlich etwas, das man nie finden kann. Die Enttäuschung, die sie von einer Frau zur anderen treibt, verleiht ihrer Unbeständigkeit eine romantische Entschuldigung, so daß viele sentimentale Damen ihre hartnäckige Polygamie rührend finden.
Die Besessenheit der anderen ist episch, und darin sehen Frauen nichts Rührendes: der Mann projiziert kein subjektives Ideal auf die Frauen; daher interessiert ihn alles und nichts kann ihn enttäuschen. Gerade diese Unfähigkeit, enttäuscht zu werden, hat etwas Ungehöriges an sich. Die Besessenheit des epischen Frauenhelden kommt einem billig vor, weil sie nicht durch Enttäuschung erkauft wurde.
(Kundera 2013: 191/192)
Kann man das eigentlich noch genialer und treffender formulieren?

Übrigens ist Tomas – so der Erzähler – ein epischer Frauenheld. Also einer der üblen Sorte. Ein „Kuriositätensammler“.

Und Teresa zerbricht an diesem Sammeln, da kann ihr Tomas noch so oft erzählen, dass die erotischen Spielchen mit seinen Geliebten völlig frei von Liebe sind und nichts bedeuten.

Ist Milan Kunderas „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ eine raffinierte Verteidigung der männlichen Polygamie?

Kundera verpackt einen skrupellosen Kuriositätensammler auf der Jagd, der seine Passion auch dann nicht aufgibt, wenn er sieht, wie seine große Liebe im Schlaf von schlimmsten Träumen gebeutelt wird, weil sie Angst hat, ihren Mann an eine seiner Affären zu verlieren, in einen herrlich gestrickten Roman, der auch essentielle Lebensfragen angeht und dennoch immer locker-flockig bleibt, wodurch ihn am Ende sogar die weiblichen Leserinnen extrem gelungen finden.

Mich irritiert das irgendwie!

Verzeihen wir Tomas seine Seitensprünge und seinen Umgang mit Teresa, weil der Roman insgesamt einfach so genial geschrieben ist?

Oder habe ich die Message falsch verstanden?

Sollte ich eventuell die Gewissensbisse Teresas am Ende des Buches (vgl. Kundera 2013: 296 ff.) ernster nehmen? Dort wird sie sich bewusst, dass sie Tomas zwar immer vorgeworfen hatte, er würde sie nicht genügend lieben, dass es aber Tomas war, der von Zürich, wo er alles hatte, nach Prag zurückkehrte, als sie von dort abhaute, und dass es ebenfalls Tomas war, der am Ende ihretwegen von Prag, wo er glücklich war, aufs Land zog, weil sie nur dort ihre Ruhe finden konnte.

Sie hatte ihn zu sich gerufen, sie hatte ihn immer weiter in die Tiefe gezogen, wie die Nymphen die Bauern ins Moor locken, um sie dort versinken zu lassen. Sie hatte einen Moment, in dem er an Magenkrämpfen litt, dazu mißbraucht, ihm das Versprechen abzuringen, aufs Land zu ziehen! Wie hinterlistig sie doch sein konnte!
(Kundera 2013: 297)

Ist es am Ende also doch Tomas, der mehr liebt? Hat Teresa letztlich das Spiel gewonnen?

Ich möchte die neugierige Leserin und den neugierigen Leser mit diesen Gedanken einfach mal alleine lassen und nur noch sagen:

Lies dieses Buch! Du wirst sehen, man fliegt hindurch. Man wird getragen durch die unerträgliche Leichtigkeit der Seiten. Und am Ende fragt man sich: “War das nun unendlich schön oder unendlich traurig?”
 
 
 
Kennst du Milan Kunderas Meisterwerk bereits? Was hältst du von ihm? Worin steckt für dich das Besondere des Buches? Warum hat es deiner Meinung nach Millionen von Menschen begeistert? Weißt du, warum ich den Hund für das Titelbild gewählt habe? Hast du auch andere Titel von Kundera gelesen? Hinterlasse mir doch ein paar deiner Gedanken in den Kommentaren, ich würde mich sehr über sie freuen.
 
 
 
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Vielen Dank,
bis bald,
Philipp
 
Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
Foto: Luiza Sayfullina
 
Blogartikel veröffentlicht am 31.7.2018
 
Quelle: Kundera, Milan (2013): Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Frankfurt: Fischer.
 
 
 
Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (*)
 

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