Was ist Existentialismus?

Theorie wird Realität (Oder umgekehrt?)

Sartre, Camus, Simone de Beauvoir, der Ekel, die Existenz, das Absurde, Sisyphos, das Café de Flore, die Angst und vieles mehr. Das Verbindende all dieser Variablen? – Der Existentialismus.

Der Existentialismus ist eine philosophische Strömung des 20. Jahrhunderts und sein Vater der französische Intellektuelle Jean-Paul Sartre. Obwohl man mehrere Denker aufzählen kann, die im Existentialismus von Bedeutung waren, und jeder Einzelne unterschiedliche Akzente setzte in dieser Denkrichtung, steht Sartre im Mittelpunkt.

Doch worum ging es Sartre, Camus und Co, die ihre Thesen während und nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem in Paris verbreiteten?


Existenz vor Essenz

„Die Existenz geht der Essenz voraus.“ ist einer der wichtigsten Sätze dieser Schule. Sartre schrieb ihn in seinem Essay „Der Existentialismus ist ein Humanismus“ nieder und goss damit den Ausgangspunkt seines Denkens in Form.

Jahrhunderte-, ja Jahrtausende-lang hatte man sich in der Philosophie um die Essenz des Menschen gestritten, man wollte ihn definieren, indem man ihm ein Wesen zuschrieb. Einen kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen den Menschen, wenn man es mathematisch ausdrückt, wurde gesucht, oder auch ein Telos (ein Ziel), auf das alle Menschen zustreben, wenn wir in der Philosophie bleiben. Die Naturwissenschaften, die Religion, die Philosophie, die Anthropologie, … sie alle haben verschiedene Wesensbestimmungen für den Menschen gefunden.

Wenn Sartre nun sagt, dass die Existenz der Essenz vorausgehe, schmeißt er die Wesensbestimmungen des Menschen aus vielen Jahrhunderten der Ideengeschichte in den Müll. Was den Menschen ausmacht, ist seine Existenz. Er ist das einzige Lebewesen, dass sich seiner Existenz bewusst ist. Und diese Existenz ist vollends subjektiv, beginnt mit dem Leben des Einzelnen und endet mit dem Tod des Einzelnen. Wir werden in diese Welt hineingeworfen, was wir damit machen, bestimmen wir selbst, indem wir unsere Existenz aktualisieren. Jede Rede von einer Essenz, die wir alle teilen, ist hinfällig, ja sogar schädlich, da sie uns ein Menschenbild vorschreibt oder vorgaukelt, das immer nur willkürlich gesetzt sein kann, nie aber allgemeine Gültigkeit haben kann. Die praktischen Folgen dieses Konstrukt liegen auf der Hand: Der Sinn geht flöten, es gibt ihn nicht mehr. Gibt es keine Essenz mehr, gibt es auch keinen Sinn. Die Essenz des religiösen Menschen zum Beispiel, der Glaube an den göttlichen Funken in ihm und das daraus folgende Ziel ein gutes Leben zu führen, um danach in den Himmel zu kommen, kann der Existentialist nicht anerkennen. Sie ist lediglich eine Setzung, so wie jede andere Essenz oder Wesensbestimmung auch. Den Sinn muss sich jede Existenz selbst erschließen.


Die Existenzphilosophie

Wichtig: Existentialismus ist nicht gleich Existenzphilosophie. Die Existenzphilosophie ist älter als der französische Existentialismus. Vorläufer waren bereits Teile der Philosophie Kierkegaards aber auch Nietzsches Nihilismus. Von der akademischen (deutschen) Existenzphilosophie sprechen wir dann bei deren Nachfolgern Husserl und Heidegger. Gemeinsam ist ihnen, dass sie den Blick auf die subjektive Wahrnehmung der Welt durch das Subjekt verstärkten und sogenannte „Existentiale“ wie die Angst oder die Langeweile untersuchten als jene Erfahrungen, die uns am allermeisten zum Menschen machen.

Ist bei Sartre also alles nur geklaut?

Diese Vorwürfe gab es und gibt es nach wie vor, wenn man sich das theoretische Grundgerüst ansieht. Den Existentialismus Paris‘, den Existentialismus als Lebensgefühl, wie wir ihn aus vielen Büchern und Filmen kennen, hat aber durchaus vor allem dieser Sartre geprägt.


„Der Ekel“

Sartre hat nicht nur komplizierte Philosophie geschrieben sondern auch (komplizierte) Romane. Der Ekel (*), sein Erstlingswerk, erschien 1938 und machte ihn über Nacht berühmt. In ihm wird das Programm des Existentialismus in der Figur des Helden Antoine Roquentin greifbar. Im Grunde ist es in erster Linie eine Selbstanalyse Roquentins, der eines Tages ganz plötzlich den Halt in seinem Leben verliert. Alles wird ihm verhasst, schal, fade, uninteressant oder unwichtig. Obwohl im Buch nicht viel passiert, hat es mich total mitgerissen. Vor allem die Passagen von Roquentins Tagebuch gefielen mir sehr gut, die Notizen, in denen sich Roquentin hinterfragt und zwar extrem intensiv und ohne Angst vor Verlusten.


Irgendetwas ist mit mir geschehen, ich kann nicht mehr daran zweifeln. Es ist wie eine Krankheit gekommen, nicht wie eine normale Gewissheit, nicht wie etwas Offensichtliches. Heimtückisch, ganz allmählich hat sich das eingestellt; ich habe mich ein bisschen merkwürdig, ein bisschen unbehaglich gefühlt, das war alles.

So beschreibt Roquentin am Beginn seiner Tagebuchaufzeichnungen den Ekel. Der Ekel überfällt ihn anfangs beim Berühren bestimmter Gegenstände, dann in der Gesellschaft mit anderen Menschen, schließlich auch bei der Analyse seiner selbst. Am Ende erkennt er, was genau den Ekel hervorruft. Es ist die Erkenntnis des Überdrusses, der Absurdität des Daseins, der Sinnlosigkeit des täglichen Tuns, der Gegenstände und der Existenz.


War Sartre ein Nihilist?

Ist also alles sinnlos und somit nichts mehr von Wert? Dürfen wir, weil es keinen übergeordneten Sinn gibt, am Ende alles und sollen nichts?

„Nein!“, meint Sartre.

In den von den Existentialisten und Existenzphilosophen untersuchten Existentialen (Angst, Ekel, Langeweile, …) passiert jeweils Folgendes:

Von einem Moment auf den anderen wird einem der Boden unter den Füßen weggezogen, man verliert den Halt, fällt aus dem Trott des Alltages in ein Loch. Während gerade noch alles seinen normalen Lauf nahm, verliert man plötzlich jegliche Gewissheit. Man sieht die Dinge in einem anderen Licht. Warum tue ich das eigentlich? Warum sitze ich hier in meinem Büro? Weshalb interagiere ich mit dieser Person? Ich fühle einen Ekel. Vor den Dingen, vor den Menschen, vor mir. Ich fühle eine Angst, weil sich der Halt des Alltäglichen auf einmal aufgelöst hat und nichts mehr da ist, das mir Orientierung gibt. Diese Angst hat kein Objekt. Ich habe nicht Angst vor etwas, nein, sie ist einfach ein schier überwältigendes Gefühl, das mich lähmt.

Doch auf diesen Nullpunkt folgt sodann eine Wendung. In dem Gefühl der völligen Haltlosigkeit, Nichtigkeit und Sinnlosigkeit meiner Existenz liegt gleichzeitig der Gewinn einer enormen Freiheit.

„Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt.“ ist ein weiterer bedeutender Satz Sartres. Er hat deshalb die Pflicht und das Privileg, sich selbst zu gestalten. Sartre ist es wichtig, dass der Mensch dieser Pflicht nachkommt, nicht in der Angst – die auch als die Angst vor dieser Freiheit gedeutet wird – erstarrt, sondern sich immer wieder aufs Neue entwirft und in keine vorgefertigten Rollen drängen lässt. Er soll eine authentische Existenz führen, keine gesetzte Essenz zu aktualisieren versuchen.

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Was ist Existentialismus?

Sartre schrieb nicht nur Bücher über den Existentialismus, nein, er versuchte ihn auch vorzuleben und machte ihn so zum Lebensgefühl einer Generation. Gemeinsam mit Simone de Beauvoir, seiner Lebensgefährtin und ihres Zeichens eine der wichtigsten Denkerinnen des Feminismus, arbeitete er Tag ein Tag aus in den Pariser Kaffeehäusern am linken Seine-Ufer (vor allem im Café de Flore), war politisch aktiv und ein Lebemensch. Mit Simone de Beauvoir demonstrierte er eine von alten Konventionen befreite Liebesbeziehung, die beiden waren ihr Leben lang ein Paar, heirateten jedoch nie und hatten immer wieder andere Geliebte. Sie schlossen einen „Pakt“, keine Ehe, in dem auch stand, dass sie sich stets in völliger Ehrlichkeit von ihren Gefühlen und Liebschaften berichten sollten. (Die Forschung weist aber darauf hin, dass de Beauvoir mit dieser Freizügigkeit nicht ganz so gut klar kam, wie Sartre.)

Das Feiern der Existenz und das Sprengen von überholten gesellschaftlichen Normen wurde zum Trend, der schwarze Rollkragenpullover zum Zeichen ein Teil dieser Bewegung zu sein. Während Sartre und Beauvoir ihre Bücher schrieben (Sie waren ein ausgezeichnetes Team, lektorierten ihre Texte gegenseitig, weshalb der Einfluss von de Beauvoir auch auf Sartres philosophisches Werk nicht zu unterschätzen ist und stets mitgedacht werden sollte!), erweiterte sich der intellektuelle Kreis um die beiden, das Gedankengut kam schließlich auch bei den Studenten an und wurde lebendig. Gerade das ist es, was diesen Existentialismus so besonders macht: Nur selten gelangt ein philosophisch-theoretisches Konstrukt von der Universität in die Zeitungen und schließlich auf die Straße. Oder kam es von der Straße zu Sartre? Fakt ist, dass diese Gedanken bei vielen etwas auslösen konnten in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Der Beisetzung Sartres in Paris folgten im April 1989 ganze 50 000 Menschen.


Albert Camus

Spricht man über den französischen Existentialismus, darf der zweite wichtige Vertreter nicht fehlen. Albert Camus hat seine Gedanken vor allem in literarische Werke gegossen („Die Pest“, „Der Fall“, „Der Fremde“). Camus und Sartre, die übrigens beide den Literaturnobelpreis erhielten, schätzen sich anfangs sehr, später kommt es aber in der Folge Camus‘ Veröffentlichung von „L’homme révolté“ (1951) zu einer Konfrontation der beiden, die zum Bruch führt. Camus ging als Verlierer aus dem Zweikampf hervor und Sartre sollte darauf den Ton in der Pariser Welt der Intellektuellen angeben. Camus, der vor allem den Begriff des „Absurden“ geprägt hatte und dem technischen Fortschritt der Menscheit kritisch gegenüberstand, starb 1960 auf eine Art und Weise, welche das Absurde des Lebens kaum besser unterstreichen könnte: Obwohl er bereits das Zugticket gelöst hatte, überredete ihn sein Verleger die zurückzulegende Strecke nach Paris im Auto zu fahren. Das Auto erwies sich als Fehlkonstruktion, den Aufprall gegen einen Baum bezahlten beide mit dem Tod. Camus sollte nur 46 Jahre alt werden.

Camus‘ Buch Der Fremde (*), neben dem „Ekel“ der zweite große Klassiker der literarischen Anwendung existentialistischer Erkenntnisse, dem übrigens auch Sartre großes Lob ausgesprochen hatte, hinterließ einen bleibenden Eindruck bei mir;

Der teilnahmslose, desinteressierte Meursault begeht ohne klares Motiv einen Mord. Er wird verurteilt und schockiert während den Verhandlungen durch sein Desinteresse am Verbrechen und am Prozess.

Es irritiert, wie Camus einen Menschen zeichnet, dem nichts wirklich nahezugehen scheint, nicht der Tod seiner Mutter, nicht sein Mord, ja nicht einmal, dass er am Ende mit dem Leben dafür bezahlen muss. Auch wenn – wie jeder Charakter in einem Buch – der Protagonist sicherlich ein wenig überzeichnet ist, so denke ich, dass es tatsächlich Menschen gibt, die so sind. Meursault ist sicher nicht dumm, doch es scheint, als sei er überfordert von der Welt und den in ihr herrschenden Konventionen, als rissen ihn die Ereignisse teilweise mit, ohne dass er ihnen mit seinen Handlungen nachkomme. Vor allem der zweite Teil des Buches ist spannend, als Meursault dann doch nachzudenken beginnt und sich Fragen stellt.


Abbruch!

Viel wäre noch zu sagen zum Existentialismus.

Über de Beauvoir, über die Existenzphilosophen vor Sartre und Camus, darüber, wie die oben angesprochene Freiheit im Existentialismus nun konkreter zu vollziehen wäre (ein sehr komplexer und umstrittener Teil der Theorie) und auch über die Folgen dieses Denkens …

Für heute entlasse ich dich aber und hoffe, dass dich dieser kurze aber kompakte Ausflug in den Existentialismus angeregt zurücklässt.

Was hältst du von den Grundthesen des Existentialismus? Gibt es deiner Meinung nach sehr wohl eine Essenz des Menschen? Wenn ja, was macht sie aus? Hast du den „Ekel“ bereits gelesen? Oder den „Fremden“? Hinterlasse mir deine Ansichten, Wortspenden oder Fragen doch bitte in den Kommentaren.

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Vielen Dank!

Was ist Existentialismus?
Foto: Rob Potvin

Blogartikel veröffentlicht am 17.02.2019

Der Ekel (*)

Der Fremde (*)

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